Aus der aktuellen Ausgabe

«Erzählen Sie keine Dummheiten! Es geht um Menschenrechte, dafür stehe ich ein»

Christian Constantin über den Abzug von 36 Punkten:

«Niemals, nie! Wer das akzeptiert, ist ein Feigling, ein Weichei»
Foto: Christophe Chammartin


FC-Sion-Präsident Christian Constantin über seinen hartnäckigen Kampf gegen mächtige Fussballverbände, sein Vermögen und drei Möglichkeiten, zu sterben

VON PETER M. BIRRER, THOMAS SCHIFFERLE

Er ist der Mann der Extreme, dem kein Verband zu mächtig und kein Funktionär zu prominent ist, um sich nicht gegen ihn aufzulehnen, er ist der Mann, der unbeirrt und hartnäckig vor Zivilgerichte zieht, um die Sportjustiz auszuhebeln: Christian Constantin ist der streitbare und streitlustige Präsident jenes FC Sion, der als Strafe für eine nicht eingehaltene Transfersperre der Fifa mit einem Abzug von 36 Punkten gebüsst wurde.

Constantin erschreckt das nicht, zumindest verrät er gegen aussen keine Beunruhigung. Er sitzt in einem Sitzungszimmer seines Architekturbüros. Constantin, dessen Mannschaft heute beim grossen Meisterfavoriten Basel ins neue Jahr startet, präsentiert sich rhetorisch in guter Form.

Haben Sie heute schon eine Klage eingereicht?

(Lacht schallend.) Nein! Warum? Müsste ich?

Sie sind der Präsident, der wild klagt, wenn ihm etwas nicht passt. Sie lassen nach.

Vorsicht! Ich beschäftige nicht einfach Richter, weil ich Spass daran habe. Ich mache das nur, wenn ich einen Grund habe und überzeugt bin, im Recht zu sein.

Wen oder was akzeptieren Sie eigentlich?

Ich akzeptiere Entscheidungen, die auf intelligente Weise gefällt wurden, also: Wenn jede Partei ihren Standpunkt zuerst dargelegt hat. Aber ich akzeptiere niemals Urteile, die auf die Schnelle ausgesprochen wurden, ohne eingehende Prüfung der Fakten.

Jetzt gibt es diesen längst berühmten Fall, in dem der Schweizerische Fussballverband auf Druck der Fifa Ihrem Klub 36 Punkte abgezogen hat. Was immer bis jetzt entschieden worden ist: Sie akzeptieren nichts.

Und warum? Weil es sich um einen Fall handelt, bei dem eine Partei nie die Gelegenheit bekommen hat, sich zu verteidigen.

Das sehen die Verbände anders.

Wir haben nie an einem Prozess teilgenommen, sollen aber verurteilt werden. Dagegen wehre ich mich. Und ich kann doch nicht etwas akzeptieren, wenn ich glaube - nein: wenn ich weiss, dass ich im Recht bin und nicht die andern.

Warum halten Sie sich nicht ans Sportgesetz, obwohl Sie sich dazu verpflichtet haben?

Ich halte mich sehr wohl an die sportliche Justiz, aber nur, wenn es sich um ein unabhängiges Sportgericht handelt, das seinen Namen auch verdient. Vor das Zivilgericht zogen die Spieler, aber ich sage Ihnen: Sie hatten keine andere Wahl. Die Liga wollte ihnen im Sommer keine Lizenz geben, also die Arbeit verweigern. Der Zivilrichter kam zum Schluss, dass das nicht in Ordnung ist, und wies die Liga an, die Sperre aufzuheben. Die Spieler waren somit auch für den Europacup einsatzberechtigt. Es schien sich alles zu klären.

Das war erst der Anfang.

Und wie! Die Liga sperrt die Spieler ein paar Minuten vor dem Match in Basel, wir halten uns daran. Die Liga und die Fifa legen beim Walliser Kantonsgericht Rekurs gegen den Entscheid des Bezirksrichters von Martigny ein, sie gehen auch vor das Zivilgericht! Die Liga spricht Sperren aus, hebt sie wieder auf. Und auf einmal fordert die Exekutive der Fifa vom schweizerischen Verband: Tötet den FC Sion! Mit dem Nachsatz: Oder wir töten euch! Der SFV weiss zwar: Das ist Nötigung. Aber er kann nichts anderes tun, als die Forderungen umzusetzen, und zieht 36 Punkte ab.

Sie könnten die Hand reichen und diese bemühende Geschichte endlich beenden.

Aber wie könnte ich das mit meinem Gewissen vereinbaren? Niemals, nie! Wer das akzeptiert, ist ein Feigling, ein Weichei.

Das zeigt, wie Sie funktionieren. Sie können nicht verlieren.

Nein, falsch, völlig falsch! Ich akzeptiere Niederlagen, wenn sie berechtigt sind und für den Gegner die gleichen Regeln gelten. Dann überlege ich mir, was zu tun ist, dass es nicht wieder passiert.

Bis jetzt haben Sie doch vorwiegend verloren: gegen die Fifa, die Uefa, den SFV ...

... das sind für mich keine Gerichte. Auf juristischem Niveau sind das Theaterbühnen.

Es scheint für Sie eine Herausforderung zu sein, sich mit möglichst mächtigen Institutionen anzulegen.

Die Uefa und die Fifa beschäftigen sich mit mir, nicht umgekehrt. Es gibt viele Spieler, die ihre Qualifikation auf zivilrechtlichem Weg erhielten. Aber nirgends wird eine Strafe ausgesprochen wie gegen uns, das ist verrückt! Juventus ... wie viele Meistertitel hat sich dieser Klub erkauft? Oder St. Etienne fälschte Spielerpässe. Das flog zwar auf, aber es gab dafür gerade mal sieben Punkte Abzug. Das ist unglaublich!

Und dann kontern Sie höhnisch, Uefa-Präsident Michel Platini wäre bei Ihnen höchstens Assistent Ihres Chauffeurs.

Das ist meine Meinung.

Oder Sie beleidigen ihn als Hofnarren.

Das ist keine Beleidigung. Er hat es ja selber zugegeben, als ich ihn vor die Staatsanwaltschaft zog. Ich würde es sonst nicht sagen. (Er liest aus dem Protokoll der Anhörung vom 19. Oktober 2011 vor und amüsiert sich.) Hier steht in einer Antwort von Platini: «Ich wurde der persönliche Berater von Blatter nach seiner Wahl zum Fifa-Präsidenten.» Das ist nichts anderes als ein Hofnarr. Ihm fehlen die Fähigkeiten, Uefa-Präsident zu sein! Er weiss ja nicht einmal, was eine Einzelunterschrift bedeutet.

Wann hatten Sie letztmals mit Blatter Kontakt?

Im letzten Sommer.

Wann das nächste Mal?

Sobald dieser Fall erledigt ist. Ich hole ihn mit meinem Flugzeug in Zürich ab und lade ihn zum Essen ein, in Lugano, Nizza oder wo auch immer. Ich habe mit Sepp grundsätzlich keine Probleme, auch mit Platini im Übrigen nicht. Das heisst nicht, dass ich ihnen deswegen Recht geben muss.

Nun haben Sie 36 Punkte verloren ...

... man hat mir 36 Punkte gestohlen, das ist die Wahrheit ...

... haben Sie nie gedacht: Jetzt ist genug, ich gebe auf?

Wer kann mir einen Fehler vorwerfen? Können Sie es?

Bestraft wurde der FC Sion, weil Sie im Sommer sechs Spieler verpflichteten. Würden Sie sich mit dem Wissen von heute noch einmal über das Transferverbot hinwegsetzen?

Natürlich!

Obwohl Sie riskieren würden, 36 Punkte zu verlieren?

Ich werde am Ende nicht 36 Punkte verlieren.

Sondern?

Keinen einzigen.

Wie soll das denn gehen?

Derzeit beschäftigt sich das Regionalgericht Bern-Mittelland damit. Wenn nötig, geht es weiter: vor das Kantonsgericht, vor das Bundesgericht, vor den Europäischen Gerichtshof in Strassburg.

Und wann soll das Ganze abgeschlossen sein?

Das ist mir egal!

Die letzte Instanz ist vielleicht der Papst.

Erzählen Sie keine Dummheiten! Es geht um Menschenrechte, dafür stehe ich ein.

Und dann verlangen Sie Schadenersatz, nehmen wir an.

Selbstverständlich.

Sie zeigen wilde Entschlossenheit. Gehen Sie immer so durchs Leben?

Wenn ich dorthin muss (zeigt in die Ecke), wüsste ich nicht, warum ich einen Umweg machen sollte. Ihr Deutschschweizer habt manchmal eine lustige Einstellung. Ihr seid nicht wie wir Walliser. Wenn ich eine Mission zu erfüllen habe, mache ich das nicht halbherzig, sondern zu hundert Prozent, mit aller Kraft - und auf direktem Weg.

Ist das typisch Walliser?

Wir leben am Rande eines kleinen Landes, links und rechts haben wir Berge, das ist anders als in Zürich. Das ist einfach besonders.

Ihr gefallt euch aber auch in der Rolle, anders und widerstandsfähig zu sein.

Natürlich. Aber wir werden durch die Geografie auch gezwungen, für unsere Existenz zu kämpfen.

Es gibt ein Schweizer Strafgesetzbuch. Gibt es auch ein Constantin-Gesetzbuch?

Nein. Es gibt nur ein Motto, an das ich mich halte: Gib niemals auf. Entweder bin ich Märtyrer oder Sieger.

Andere Präsidenten regen sich über Sie auf. Sie würden mit Ihrem ständigen Prozessieren den Spielbetrieb nur stören.

Wir spielen doch ganz normal weiter. Ich bin ein Präsident, der seinen Klub mit allen Mitteln verteidigt. Ich hätte für einen Kollegen, der das auch macht, die grösste Bewunderung. Was andere über mich sagen und denken, das interessiert mich nicht.

Überträgt sich Ihr Eifer auch auf Ihre politische Gesinnung?

Als ich erstmals wählen ging, war ich 20. Ich fragte meinen Vater, einen Sozialisten: Wie soll ich wählen? Er sagte mir einen Satz, der mich bis heute prägt: «Stimme für die Schwächsten, die andern haben genug.» Seither stehe ich für die Schwächeren ein, immer, sie haben die gleichen Rechte wie alle andern Menschen auch. Ich fühle mich nicht zu einer Partei hingezogen, sondern setze mich für jene ein, denen geholfen werden muss, und nicht für die, die geschützt werden wollen.

Alt-Bundesrat Pascal Couchepin, ein Freund von Ihnen, passt als Bürgerlicher nicht gerade ins Schema der Sozialisten.

Täuschen Sie sich nicht. Pascal war eher radikal links als bürgerlich, auch wenn ihr in der Deutschschweiz etwas anderes glaubt.

Welche Werte wollen Sie Ihren drei Kindern vor allem vermitteln?

Sie sollen eine Sache, die sie anfangen, zu Ende bringen und nicht beim ersten Hindernis kapitulieren. Sie sollen zum Wort stehen, das sie geben. Und sie sollen tolerant sein. Wenn einer nicht denkt wie ich, kann er das tun. Ich erkläre ihm einfach auch meine Argumente. Kollegen können wir trotzdem sein.

Die «Bilanz» führt Sie als einen der 300 reichsten Schweizer, dessen Unternehmen jährlich rund 150 Millionen Franken umsetzt. Was bedeutet es für Sie, reich zu sein?

Was heisst das schon? Ich brauche die Mittel, um machen zu können, worauf ich Lust habe. Ich bleibe trotz Geld mit beiden Füssen auf dem Boden. Was ich nicht will, ist Geld, das ich nicht eigenhändig mit Arbeit verdient habe, sondern zum Beispiel im Casino oder in der Lotterie. Das will ich nicht. Geld an sich ist nicht das Problem. Die Frage ist einzig: Was mache ich Gescheites, wenn ich welches habe? Sobald dir das Vermögen in den Kopf steigt, ist es unnütz.

Wenn Sie sich jedes Jahr den neusten Ferrari leisten ...

... das hat nichts damit zu tun. Ich brauche nicht 18 Ferraris, ich habe einen, ich besitze nicht mehrere Flugzeuge, sondern eines.

Es gibt Menschen, die gar kein Flugzeug haben.

Es erspart mir ungemein viel Zeit und Umstände, darum leiste ich mir den Jet, nicht, um zu bluffen.

Wie viel haben Sie bis jetzt in den FC Sion investiert?

Rund 24 Millionen Franken in den letzten acht Jahren. Und vielleicht muss ich künftig noch mehr Geld in die Hand nehmen.

Sie sind der grösste Sponsor des Vereins.

Es gibt vermutlich in der Schweiz niemanden, der mehr von seinem eigenen Geld in einen Fussballklub gesteckt hat als ich.

Sind Sie ein eitler Mensch?

Eitel? Nein, finde ich nicht. Ich bin ein Bergler.

Sie färben doch Ihre Haare?

(Lacht.) Ich bin stolz auf meine Haare. Natürlich färbe ich, ich wäre sonst grau.

Welche Ziele verfolgen Sie noch in Ihrem Leben?

Es hängt wesentlich von der Gesundheit ab, was möglich ist. Ich definiere keine konkreten Ziele, sondern will einzig meinen Weg weitergehen und dankbar sein, dass ich nie dem Alkohol verfiel oder Drogen nahm. Und Schmerztabletten oder ähnliche Dinge, das kommt für mich nie infrage.

Man kann sich heute nicht vorstellen, dass Sie sich mit 65 in den Ruhestand verabschieden werden.

Daran denke ich nicht. Ich bin in einer guten Verfassung und voller Energie. Ich schlafe ruhig und mit gutem Gewissen, mich reizt es, auch an die körperlichen Grenzen zu gehen. Ich bin 55, aber das ist nur eine Zahl. Darauf gebe ich nichts. Aber ich weiss, dass ich drei Möglichkeiten habe, mich aus dem Leben zu verabschieden: Entweder sterbe ich bei der Arbeit, beim Fussball - oder in den Armen einer schönen Frau. Über die Reihenfolge kann man noch diskutieren (lacht wieder schallend). Was das Arbeiten angeht, ist mein Vater ein Vorbild; er ist noch viel fleissiger und stärker als ich. Er wird bald 80, arbeitet aber immer noch in seinem Unternehmen von morgens um 5 bis um 21 Uhr. Meine Mutter starb nach langer Krankheit, als sie erst 33 war. Sie war eine mutige Frau, die bis zum Ende um ihr Leben kämpfte und mich mit ihrer unglaublich positiven Einstellung prägte. Ich werde mich auch bis zum letzten Zug wehren.

Wie lange arbeiten Sie pro Tag?

14, 15 Stunden sind es sehr oft. Ich bin sieben Tage pro Woche beschäftigt, aber das ist nicht immer nur Arbeit.

In Neuenburg ist nun Bulat Tschagajew von der Bildfläche verschwunden. Für Sie hat das auch etwas Positives: Sie geniessen wieder die uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

Aha, Sie glauben also ernsthaft, das sei mir wichtig.

Zumindest nicht unwichtig.

Blödsinn.

Ist das Modell mit ausländischen Möchtegern-Investoren endgültig gescheitert?

Das funktioniert nicht. Die Schweiz ist ein besonderes Land, da muss ein Klubbesitzer praktisch jeden und alles kennen, auch die Mentalität, die Kultur. Ich kenne schätzungsweise drei Viertel der Leute, die ins Tourbillon zu unseren Heimspielen kommen. Das ist eine unabdingbare Voraussetzung. Sonst ist das Scheitern programmiert.

Es erschliesst sich bis heute nicht, welche Absicht hinter dem Einstieg von Tschagajew bei Xamax steckte.

Ich habe auch keine Ahnung. Es gibt einfach Leute auf der Welt, die nicht ganz normal sind.

Sie haben diesen Winter den Stürmer Giovanni Sio für acht Millionen Franken an den VfL Wolfsburg verkauft. Was machen Sie mit so viel Geld?

Es wird investiert, um die Mannschaft zu verstärken.

Und um Ihr Heer von Anwälten zu bezahlen, um die 36 Punkte zurückzubekommen.

Wer die Kosten übernimmt, ist ein Thema, das mich nach Abschluss der Verfahren beschäftigt.

Wie hoch sind die Ausgaben bis jetzt?

Rund eine halbe Million Franken.

Was würde der FC Sion eigentlich ohne Sie machen?

Weiterexistieren - aber nicht mehr auf diesem Niveau. Wenn ich morgen aufhöre, wird aus Sion ein Amateurverein.

Gibt es keinen Walliser, der in der Lage wäre, Ihre Nachfolge eins zu eins anzutreten?

Ich sehe derzeit keinen.

Macht es immer noch Spass, Präsident eines Klubs zu sein, der mit minus fünf Punkten startet?

Klar. Und wenn wir das erste Spiel in Basel gewinnen, sind es nur noch 40 Punkte Rückstand auf den Leader - wunderbar!
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Ein Walliser Sonnenkönig

Christian Constantin, 55, ein gelernter Bauzeichner, war ein mittelmässiger Goalie, dafür ein eifriger Unternehmer. Mit 22 Jahren gründete er seine eigene Firma, ein Architekturbüro in Martigny-Croix. Das Büro ist verantwortlich für Grossprojekte im Wallis und in der übrigen Westschweiz und macht mit 50 Mitarbeitern jährlich rund 150 Millionen Franken Umsatz. Der Ferrari-Fan Constantin präsidierte den Fussballklub Sion von 1992 bis 1997 und seit 2003 wieder. Reihenweise entliess er seine Trainer und argumentierte: «Nicht ich entlasse die Leute, sondern der Totomat.»

Publiziert am 05.02.2012



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