Die Weisswäscher
In Max Frischs «Andorra», seinem Lehrstück über den Umgang mit dem Fremden, werden die Häuser geweisselt, was das Zeug hält. Mit einem Übermass an weisser Farbe wollen die Bewohner dieses kleinen Landes - das an die Schweiz erinnern soll - ihre Sünden der Vergangenheit übertünchen, was ihnen natürlich nicht gelingt. In Bertolt Brechts Spätwerk «Turandot oder der Kongress der Weisswäscher» wird eine bedrohliche Situation durch einlullende Reden von Schwätzern noch schlimmer gemacht.
Weiss ist gut, schwarz ist schlecht, dieses Bild hat sich uns eingeprägt. Und deshalb wirbt Eveline Widmer-Schlumpf mit der Formulierung «Weissgeldstrategie» für ihr Vorgehen in Sachen Bankgeheimnis. Morgen wird ihr wohl eine klare Mehrheit des Nationalrats im Bezug auf das Doppelbesteuerungsabkommen mit den USA folgen, obwohl die Eckpunkte des Gesamtkonzepts nicht einmal punktuell vorliegen. Daher liegt der Vergleich mit den literarischen Vorbildern so nahe: Wir haben uns mutwillig in eine Situation begeben, aus der heraus wir keine angenehme Lösung finden. Die bittere Medizin wird uns aber nur tröpfchenweise eingeflösst. Mit Beschwörungen und Versprechen wird eine diffuse Akuttherapie verordnet, weil man sich nicht an die notwendigen schmerzhaften Schnitte heranwagt. Und das, obwohl diese durch weiteres Hinausschieben nur noch radikaler ausfallen werden.
Alle Parteien machen bei dieser Scharade mit. Die SP gibt sich mit einer etwas aufgepeppten, freiwilligen Deklarationspflicht zufrieden. Die FDP fordert das Versprechen einer Globallösung mit den bösen Amerikanern. Dies im klaren Wissen, dass niemand imstande ist, verbindlich eine solche Zusage zu machen. Und die SVP schaltet auf stur und stiehlt sich wieder einmal aus der Verantwortung, weil sie weiss, dass ihre Trotzhaltung reines Imponiergehabe ist. Niemand spricht Klartext und legt die Dinge dar,
wie sie sind. Nämlich, dass der automatische Informationsaustausch bald zur internationalen Norm wird, auch für uns. Und dass das Steuerabkommen mit Deutschland in der vorgelegten Form wohl nie Rechtskraft erlangen wird.
Realitätsverlust ist ein gefährliches Symptom. Dasselbe gilt für die Angst, die Dinge klar zu benennen. Die aktuelle Debatte beweist leider, dass wir zurzeit im Land der Übertüncher und der Weisswäscher leben.
Publiziert am 04.03.2012
von: sonntagszeitung.ch

