Drittklassig?
«Wahnsinn - Basel!», simste ein guter Freund aus Berlin, der nicht nur einer der bekanntesten Kulturschaffenden Deutschlands ist, sondern auch ein besonders heissblütiger Fussballfan. Anlass seines spätabendlichen Gefühlsausbruchs war der Sieg des FC Basel im Dezember über Manchester United, den renommiertesten Fussballclub der Welt. Doch nach dem Erfolg des FCB gegen Bayern München blieb mein Handy stumm. Offenbar war nicht vorgesehen, dass wir sympathischen, fussballerisch aber unbedeutenden Schweizer auch den deutschen Vorzeigeclub schlagen würden. Bei aller Zuneigung: Hier hört der Spass definitiv auf! Nun zählt man mit zusammengepressten Zähnen auf die deutschen Tugenden, nämlich, dass man das Ding spätestens im Penaltyschiessen nach Hause schaukeln wird, damit die Welt nicht völlig aus den Fugen gerät.
Das Image eines Landes wird von kaum etwas anderem so stark geprägt wie dem Fussball. Dies zeigt etwa das seit Jahrzehnten verkorkste Verhältnis zwischen Deutschen und Holländern, das mit dem WM-Final 1974 begann, als die schlechtere Mannschaft - die Deutschen - den Pokal holte. Wir Schweizer hingegen sind für die Deutschen die kuscheligen Verlierer. Daran änderte auch ein Stéphane Chapuisat nichts, der in der Bundesliga für Furore sorgte.
Nun ist plötzlich alles anders. Lucien Favre ist zurzeit der fussballerische Überflieger des Landes, der mit Borussia Mönchengladbach einen praktisch schon abgestiegenen Club bis in die Spitze der Liga gebracht hat. Deshalb wird er nun in Verbindung mit jenem Verein genannt, der sich beinahe automatisch alle Topleute angelt: nämlich ebendiesem überheblichen Bayern München.
Aber noch ist die Sache nicht gegessen. Nur wenn die Basler die Münchner aus der Champions League werfen, wird der Sieg vom letzten Mittwoch zu mehr als einer schnell verdrängten Episode. Allein mit einer zweiten Glanzleistung des FCB werden Leute wie Marcel Reif - Deutschlands bester Fussballkommentator, der die Schweizer Super League als drittklassig bezeichnet hat - kleinere Brötchen backen müssen. Am 12. März geht es deshalb um viel mehr als um ein Spiel. Ich werde deshalb genau auf mein Handy achten und hoffe, dass es wieder nicht piepst. Denn auf tröstende Worte kann ich gerne verzichten.
Publiziert am 26.02.2012
von: sonntagszeitung.ch

