Alles halb so wild
Die Schweizer haben bereits gewählt, und zwar mit ihrer unbestechlichsten Waffe: der TV-Fernbedienung. Das Resultat ist ernüchternd. Die Marktanteile der Wahlsendungen von SF tauchten immer dann in furchterregende Tiefen, wenn die bekanntesten Politiker des Landes auf dem Bildschirm erschienen. Zum Schluss waren es gerade noch 11 Prozent aller Zuschauer, die sich zur besten Sendezeit den angeblich wichtigsten Themen des Landes aussetzen wollten. Die anderen drückten die ewig gleichen Gesichter weg, um sich auf anderen Kanälen anregendere Programme zu suchen. Auch die von FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger präsentierten acht Wahlsendungen bei Sat 1 fanden vor weitgehend leeren Zuschauerrängen statt. Als «Kandirator»-Hybrid kam er so nicht ganz zur erhofften Bildschirmpräsenz, die für Politiker eine wundersame Werbewirkung haben soll.
Weshalb aber dieses Desinteresse? Die Antwort ist banal: Die Stimmbürger wissen, dass die Parlamentswahlen auch diesmal kaum die entscheidenden Weichen stellen werden. Dies wird auch durch die laufend aktualisierten Wahlprognosen untermauert, die nur minimale Verschiebungen zwischen den Lagern verkünden. Bedeutender nämlich ist die Wahl der Regierung, die bei uns aber - anders als in den meisten Demokratien - nicht direkt vom Stimmbürger getroffen werden kann. So wird die Zusammensetzung des Bundesrates vor allem in Hinterzimmern ausgemacht. Dort werden von den Politikern Allianzen geschmiedet, Geheimpläne ausgeheckt und Fallen gestellt. Bei dieser wichtigen Entscheidung sind wir Stimmbürger ausgesperrt. Das Wissen darum nimmt dem Wahlkampf die Brisanz. Deshalb ist trotz des gewaltigen medialen Brimboriums nicht glaubhaft zu vermitteln, dass nun jede einzelne Stimme für die Zukunft des Landes von herausragender Wichtigkeit sei.
Zwar sagen die jüngsten Prognosen eine etwas höhere Stimmbeteiligung voraus als bei den letzten Wahlen. Aber auch so läge sie immer noch viel tiefer als in Ländern, in denen man sich für die konkrete politische Richtung der Regierung aussprechen kann. Und deshalb meine ich - auch als TV-Mann: Die Fernbedienung lügt nicht. Sie beweist, dass Politik bei uns bei weitem nicht jenen Stellenwert hat, den man ihr gemeinhin zuspricht. Und die sie eigentlich haben sollte.
Publiziert am 16.10.2011
von: sonntagszeitung.ch

