Zynisch
Am letzten Wochenende elektrisierten mich zwei Storys. Die SonntagsZeitung enthüllte, dass mehr als 200 Millionen (!) Franken in einer bisher unbekannten Stiftung stecken, deren Zweck die «finanzielle Unterstützung der SVP in der politischen Meinungsbildung auf Bundesebene» ist. Zum ersten Mal wurde sichtbar, auf welch riesige Mittel diese Partei zurückgreifen kann. In Deutschland haben ähnliche Informationen zu einer schweren Regierungskrise und zur bleibenden Beschädigung des Images von Bundeskanzler Helmut Kohl geführt. Die «schwarzen Kassen» wurden dort richtigerweise als Bedrohung des demokratischen Prozesses interpretiert.
Die zweite Story fand ich im «Sonntag». Die Zeitung machte publik, dass mehrere namentlich aufgeführte CVP-Politiker mit finanziellen Anreizen geködert wurden, damit sie sich zu einem Parteiwechsel zur SVP entscheiden. «Manchmal ist Geld im Spiel, fast immer sind es Karrierechancen», resümierte die Zeitung.
Die beiden Storys fügen sich zu einem Ganzen zusammen. Wenn sämtliche Details zutreffen, heisst das, dass unser demokratisches System in einer bisher unvorstellbaren Weise korrumpiert wird. Die Informationen würden belegen, dass die SVP ihre von unbekannten Geldgebern zur Verfügung gestellten gewaltigen Mittel auch über dunkle Kanäle einsetzt, um sich Vorteile zu verschaffen, die weit über die Dominanz im öffentlichen Werbeauftritt hinausgehen. Sollten die Storys aber falsch sein, dann müsste die SVP mit aller Macht gegen rufschädigende Unterstellungen vorgehen. Bisher gab es jedoch nur ein lahmes Dementi von Parteichef Toni Brunner und ein Verwedelungs-Statement von Stiftungsrats-Mitglied Rita Fuhrer. Und so bleiben die gravierenden Vorwürfe praktisch unwidersprochen.
Beinahe ebenso erschreckend ist, dass dieser potenzielle Megaskandal kaum von anderen Medien aufgegriffen wurde. Keine Zeitung hat weiter recherchiert, um neue Fakten ans Tageslicht zu bringen. Das Desinteresse, mit dem selbst klare Hinweise auf schlimmste Verwerfungen unserer politischen Kultur hingenommen werden, ergibt deshalb ein düsteres Bild der öffentlichen Themensetzung. Es erscheint als Beleg dafür, dass wir bereits so zynisch sind, dass wir uns lieber mit Wahlkampf-Lappalien als mit den wirklich beunruhigenden Entwicklungen beschäftigen.
Publiziert am 28.08.2011
von: sonntagszeitung.ch

