Meine 1.-August-Rede im Wahljahr
In allen Gefilden des Lebens gibt es Wörter, um sich von der Gegenseite abzugrenzen. Im Wirtschaftsleben verwendet man dazu einschmeichelnde Begriffe. Man spricht vom «Mitbewerber» oder «Konkurrenten», den man dank eigener Leistung hinter sich lassen, aber nicht aus dem Feld schlagen will. Im Sport tut man alles, um den «Gegner» zu besiegen, aber dies geschieht innerhalb klar definierter Regeln. Im Krieg hingegen will man den «Feind» zerstören, wobei beinahe alle Mittel erlaubt sind.
Dann gibt es vielerorts die nicht beteiligten Dritten. Im Tätigkeitsfeld der Medien sind es die «Kritiker», die sich zu Filmen, Sportereignissen oder politischen Entwicklungen äussern. Dort bringen sie eine subjektive Sicht ein, die sie ihrem Publikum möglichst schlüssig darlegen. Eine ähnliche Funktion haben «Beobachter», die oft auf internationaler Ebene beauftragt werden, Fakten zu sammeln.
Am weitaus gefährlichsten sind die emotional aufgeladenen Begriffe, mit denen man die Gegenseite gezielt herabsetzen will. Der Islam hat die «Ungläubigen» zuerst mit dem Schwert bekehrt, heute werden sie von Islamisten mittels Selbstmordattentaten in die Luft gesprengt. Die Nazis schufen den Terminus «Untermenschen», um so ihre Genozide zu legitimieren. Und die Kommunisten ermordeten Millionen von «Volksschädlingen» im Gulag.
Bei uns wird in der politischen Auseinandersetzung seit kurzem ein emotional aufgeheizter Begriff verwendet: «Hasser». Dieser Ausdruck hat eine doppelte Bedeutung. Ein Hasser ist jemand, der mich und meine Seite mit jeder Faser verneint. Die effektivste Methode, wie ich auf einen Hasser reagieren kann, ist, dass ich ihm mit derselben Ablehnung begegne. Damit wird er zu etwas anderem als ein Konkurrent oder Gegner. Er ist nun jemand, den ich ebenfalls hassen darf und soll. So wird das Gefühl des Hasses gesät, mit dem niedrigste Instinkte bedient werden. Ist dies einmal geschehen, dann gelten die alten Regeln nicht mehr. Dann wird alles möglich. Auch Oslo.
Worte üben Macht aus. Mit ihnen wird der Boden für mehr als bloss verbale Gewalt geebnet. Deshalb sollte das zerstörerische Wort «Hasser» geächtet und aus unserer politischen Diskussion verbannt werden. Es ist zutiefst unschweizerisch und demokratiefeindlich.
Publiziert am 31.07.2011
von: sonntagszeitung.ch

