Sepp und Jörg: Alles paletti!
Noch selten produzierten zwei Schweizer in einer einzigen Woche so viele internationale Schlagzeilen. Aber irgendwie konnte man darüber nicht so richtig froh werden. Denn sowohl bei Sepp Blatter als auch bei Jörg Kachelmann ging es um Lügen, Betrug und Verletzungen. Mit diesen Ingredienzen hielten sie ein System am Laufen, das nur im Dunkeln funktionieren konnte. Sobald aber Komplizen auspackten, geriet alles aus den Fugen - und dagegen mussten sie sich mit aller Kraft stemmen. Weil sie aber ähnlich clever, finanziell ausgestattet und abgebrüht sind, zogen beide am Schluss den Kopf aus der Schlinge.
Sepp Blatter demaskierte seine engsten Mitstreiter in dem Moment als korrupt, als sie sich ihm in den Weg stellten. Und Jörg Kachelmann denunzierte diejenige seiner vielen Geliebten als bösartige Lügnerin, die öffentlich gegen ihn aussagte. Beide setzten alle Machtmittel ein, um ihre aggressiven Strategien erfolgreich zu lancieren. Sepp Blatter bediente die Presse mit Unterlagen, die bewiesen, mit welchen Methoden seine beiden Hauptgegner Jack Warner und bin Hammam bestochen hatten. Damit waren sie ausser Gefecht gesetzt und mussten kurz darauf mit Ergebenheitsadressen bei ihm zu Kreuze kriechen. Und Jörg Kachelmann engagierte eine Armada von Gutachtern, die mit ihrer Kakofonie von widersprüchlichen Aussagen genau jene Zweifel säten, welche gemäss Gerichtspraxis zugunsten des Angeklagten ausgelegt werden mussten.
Was lernt man aus diesen beiden Fällen? Mit viel Geld und wenig Skrupel kann man sich selbst aus heikelsten Situationen retten, auch nachdem das seit Jahren aufgebaute Lügengebilde implodiert ist. Es darf bezweifelt werden, dass die beiden Herren nun als geläuterte Menschen aus ihren jeweilig heiklen Situationen herauskommen. Sepp Blatter wird nicht mit letzter Kraft versuchen, aus der Fifa eine Organisation zu machen, in der Korruption trotz seines neuen Kampfschreis von «Zero Tolerance» ausgerottet ist. Und Jörg Kachelmann wird wohl trotz einer Hochzeit, die kürzlich stattfand, irgendwann in sein früheres Lotterleben zurückgleiten.
Denn sobald der erste Schock vorbei ist, fallen die meisten in die gewohnten Muster zurück. Aber besser aufpassen - das werden sie beim nächsten Mal mit Sicherheit.
Publiziert am 05.06.2011
von: sonntagszeitung.ch

