Ein tolle Chance für die Fifa
Der Streit ums Fifa-Präsidium wird von Tag zu Tag schmutziger - und dies empfinde ich als grossartig! Denn dieser gnadenlose Fight ist die einzige Chance, diese moralisch marode Institution auszumisten, weil nun endlich Dinge zum Vorschein kommen, die vom Präsidenten während vieler Jahre unter den Teppich gekehrt worden sind. Was von Sepp Blatter bisher immer als unbewiesene Anschuldigungen schlecht informierter Journalisten abgetan wurde, präsentieren nun die beiden Kontrahenten höchstpersönlich in konkreter Form.
Ausgelöst wurde diese skandalöse Entwicklung durch eine von Sepp Blatter initiierte Untersuchung gegen seinen Widersacher. Bin Hammam habe mit Bestechungsgeldern Delegiertenstimmen gekauft.
Bin Hammam hat dies nicht grundsätzlich bestritten, sondern gekontert, dass Blatter davon gewusst und nichts dagegen unternommen habe. Das Urteil über die beiden soll die Fifa-interne (!) Ethik-Kommission im absoluten Schnellverfahren bis heute Abend fällen.
Weshalb aber will Blatter Bin Hammam nur wenige Tage vor der Wahl aus dem Rennen werfen, obwohl er seit längerem verkündet, dass er mit klarem Vorsprung gewinnen werde?
Die Antwort: Offenbar ist Blatter extrem nervös. Er kennt seine korrupten Pappenheimer und weiss, wie wenig verbale Zusagen in seiner Fifa wert sind. Und da Bin Hammam seit zwei Wochen kaum mehr aktiv ist - er hat weder Interviews gegeben noch seine Homepage aktualisiert -, ist Blatter wohl in Panik geraten. Seine Vermutung war, dass sich Bin Hammam seiner Sache so sicher sein müsse, dass er auf all dies verzichten könne. Und deshalb versuchte er, ihn mit einer Roten Karte von der Wahl auszuschliessen.
Und darum gibt es nun diese tolle Möglichkeit, erstmals einen echten Blick in die Fifa-Schlangengrube zu werfen. Nach dem Bestechungsskandal um die Olympiavergabe an Salt Lake City hat sich das IOC grundlegend reformiert. Gleiches steht nun der Fifa bevor, unabhängig vom Ausgang dieser Wahl. Alles wird auf den Tisch kommen, auch die Vergabe der WM 2022 an Katar und den Bestecher Bin Hammam. Und Sepp Blatter wäre auch als Sieger angeschlagen. Er hat dann nur noch einen Job: in der Fifa das zu veranlassen, was er schon längst hätte tun müssen. Es gibt nicht viele, die glauben, dass er dazu in der Lage wäre.
Publiziert am 29.05.2011
von: sonntagszeitung.ch

