«Kein unmittelbares Risiko»
Die Sache mit dem Risiko wird immer vertrackter. Bis Fukushima kannten wir allein den Begriff «Restrisiko», also etwas, das so unwahrscheinlichist, dass man sich nicht ernsthaft damit zu beschäftigen braucht. Doch nun ist alles anders. Letzte Woche verkündete unsere Kernkraft-Überwachungsbehörde mit dem verniedlichenden Namen Ensi, der eher zu einer wohlgenährten Kuh in einem Gotthelf-Film passen würde, dass «keine unmittelbaren Risiken» wegen Erdbeben oder Überschwemmung bestehen. Dies sollte beruhigend wirken. Doch mich hat es aufgeschreckt. Denn das Gegenteil eines unmittelbaren Risikos ist ein mittelbares Risiko, also ein real bestehendes Risiko, mit dessen Eintreffen kurzfristig nicht gerechnet werden muss.
Das heisst, dass die Gefahrensituation heute viel ernster beurteilt wird als noch vor wenigen Monaten. Da sich an den konkreten Verhältnissen jedoch nichts verändert hat, bedeutet dies, dass man allein aufgrund des Fukushima-Schocks gehandelt hat. Dies beeinträchtigt mein Vertrauen in die Ensi-Leute zusätzlich. Ihr neuer Befund ist ein klarer Beweis für ihre bisher schludrige Beurteilung. Und die Informationen über die ideologische Ensi-Kontaminierung durch Atom-Lobbyisten macht alles noch viel unerträglicher.
Mit «mittelbaren Risiken» können und müssen wir in vielen Bereichen leben. Das wissen wir und versuchen, uns entsprechend vorzusehen, indem wir heute etwa in viel sichereren Autos unterwegs sind als vor zwanzig Jahren. Doch im Hinblick auf einen grossen Atomstörfall ist dies nicht hinnehmbar. Die Folgen wären so verheerend, dass sie unter gar keinen Umständen eintreten dürfen. Denn Fukushima hat uns zusätzlich gelehrt, dass die hoch bezahlten Fachleute den Ernstfall mit seiner Schadensakkumulation nicht einmal ansatzweise simulieren können.
Deshalb bin ich nach dem Ensi-Bericht und dem zögerlich vorgetragenen Massnahmenkatalog noch hellhöriger geworden. Das «mittelbare Risiko» muss so schnell wie möglich verschwinden. Auch wenn es bei uns nur alle 600 Jahre ein grösseres Erdbeben geben mag, so kann es doch schon morgen eintreten. Denn das ist das Verflixte mit diesen mittelbaren Risiken in Sachen Kernkraft: Irgendwann und ohne Vorwarnung können sie zum unmittelbaren GAU werden.
Publiziert am 08.05.2011
von: sonntagszeitung.ch

