Die sauberste und sicherste Energiequelle
Der erste Versuchsreaktor der Schweiz wurde 1957 in Würenlingen eingeweiht. Bei der Feier stand neben Bundesrat Max Petitpierre Dr. Rudolf Sontheim, der Projektleiter und Geschäftsführer. Nach Jahren bei General Electric in den USA war er, der spätere Generaldirektor von BBC in Baden, einer der wichtigsten Promotoren der neuen Technologie geworden. Als dann bei einem anderen Versuchsreaktor in Lucens eine untaugliche Methode angewendet wurde, versuchte er vergeblich, das Projekt zu stoppen. Kurze Zeit nach Betriebsaufnahme kam es zur Katastrophe.
Der Unfall von Tschernobyl 1986 wühlte ihn ebenfalls ungemein auf, aber er erschütterte ihn nicht. Er wies auf die gewaltigen Unterschiede zu unseren AKW hin. Nein, hier sei so etwas schlicht undenkbar, erklärte er mir immer wieder. Und ich hörte ihm, meinem eloquenten und leidenschaftlichen Schwiegervater, aufmerksam zu. «Containment», war eines seiner Argumente, also jene Betonhülle im Innern eines Reaktors, die in Tschernobyl gefehlt hatte: Diese «Containments» würden bei uns das Schlimmste verhindern. Und er sprach vom «Restrisiko», dieser zur Leerformel gewordenen Beschreibung bloss theoretischer Gefahren. «Es gibt auch ein Restrisiko, wenn man am Morgen aus dem Bett steigt», erklärte er mir. «Man kann sich dabei ein Bein brechen.»
Damit war für ihn als Wissenschaftler das Thema abgehakt. Atomstrom war ohne Zweifel die sauberste und sicherste Energiequelle, und jedermann, der das bestritt, tat dies entweder aus Unkenntnis oder aus ideologischer Verblendung. Diese irrationalen Leute galt es zu bekämpfen.
Und jetzt sehen wir die zerstörten General-Electric-Reaktoren in Fukushima. Es wird immer deutlicher, dass bei der Standortwahl und beim Bau unverzeihliche Fehler begangen wurden und dass die Katastrophe deshalb von Tag zu Tag apokalyptischere Dimensionen annimmt. So ist nun die Rettung der 35-Millionen-Stadt Tokio auch von den Launen des Wetters abhängig. Aus dem «Restrisiko» ist die grösstmögliche Gefährdung der Menschheit geworden.
Ruedi Sontheim starb vor knapp vier Jahren. Ich bin mir sicher, dass ihm beim Betrachten der Aufnahmen aus Fukushima das Herz gebrochen wäre.
Publiziert am 20.03.2011
von: sonntagszeitung.ch

