Ein weiterer Sieg für die Bösen?
Zum ersten Mal erlebte ich dieses Gefühl als kleiner Junge im November 1956, als sowjetische Panzer in Budapest einrollten und die ungarische Freiheitsbewegung zusammenschossen. Dieser Schmerz, dass die Bösen die Guten mit roher Gewalt besiegt hatten, wiederholte sich im Sommer 1968, als die gleichen Panzer auch den Prager Frühling erdrosselten. Damals ging ich mit vielen Tausend Menschen und mit dem Kampfruf «Dubcek, Svoboda» auf die Strasse, um gegen diese Ungeheuerlichkeit zu protestieren.
Das Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung wiederholte sich immer, wenn einer der Guten gemeuchelt wurde: John F. Kennedy, sein Bruder Robert, Martin Luther King; später Anwar al-Sadat, Jitzhak Rabin und der afghanische Hoffnungsträger Schah Massoud, der von Osama Bin Laden in die Luft gesprengt wurde. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte eine andere Wendung genommen hätte, wenn diese Gewaltakte verhindert worden wären. Nicht nur als unbeteiligter Betrachter aus einem kleinen, neutralen Land litt man unter der eigenen Handlungsunfähigkeit. Selbst ein Bill Clinton, während acht Jahren mächtigster Mann der Welt, bezeichnete seine Passivität angesichts des Genozids in Ruanda als den verhängnisvollsten Aspekt seiner Präsidentschaft.
Und jetzt Libyen. Paralysiert wohnen wir einem weiteren traumatischen Ereignis von weltpolitischer Bedeutung bei. Zwar wissen wir nicht genau, wer hier die Guten sind. Aber den Bösen kennen wir genau, den irren Schlächter Ghadhafi, der mit seinem moralisch verrotteten Clan und unzähligen Ölmilliarden ein ganzes Land seit über 40 Jahren in Geiselhaft hält. Blockiert durch ein drohendes UNO-Veto von China und Russland - also von Ländern, in denen die Menschenrechte systematisch verletzt werden -, sind wir hilflose Zeugen, wie der libysche Volksaufstand von einer hochgerüsteten Soldateska zerbombt wird. Und damit entschwindet die bis vor kurzem kaum vorstellbare Chance, dass sich in diesem Land die Dinge zum Guten wenden könnten.
Die Vorstellung, dass Ghadhafi als Sieger hervorgeht, ist unerträglich, denn die Signalwirkung wäre verheerend. Aber mit jedem Tag wird dieses Szenario wahrscheinlicher. Und der Schmerz, der sich beim Betrachten der vielen Fernsehbilder in meine Brust hineinfrisst, wird immer grösser.
Publiziert am 13.03.2011
von: sonntagszeitung.ch

