Tipps für einen Diktator
Sehr verehrter Herr Präsident, es ist uns als renommierte Schweizer Bank eine grosse Ehre, einen so bedeutenden Staatschef wie Sie zu unseren Kunden zählen zu dürfen. Wie Sie beiliegendem Vermögensauszug entnehmen können, ist Ihr Konto durch Ihre laufenden Überweisungen und unsere Arbeit auf mehrere Milliarden Franken angewachsen. Damit zählen Sie zu unseren geschätztesten Kunden. Es freut uns, dass Sie trotz Ihres bescheidenen Salärs solche Werte besitzen, wobei wir als neutrale Schweizer und Banker kein Interesse haben, im Detail zu erfahren, wie Sie das geschafft haben. Wir nehmen an, dass dies aufgrund Ihrer Tüchtigkeit möglich war.
Doch es ist uns ein Anliegen, Sie auf eine klitzekleine Gefahr hinzuweisen. Sie dürfen aus unserer Sicht alles tun, ausser eines: Sie dürfen nicht gestürzt werden. Das würde nämlich alles ändern. Zu unserem Leidwesen würde dann unsere Aussenministerin Micheline Calmy-Rey sofort all Ihre Konten einfrieren. Und schlimmer noch: auch diejenigen Ihrer Familie und Ihres Clans, wie sie dies gerade im Fall Ihres tunesischen Ex-Kollegen Ben Ali tat, wo sie gleich 43 Personen auf eine schwarze Liste gesetzt hat. Mit einem Sturz würden Sie also nicht nur Ihren Job verlieren, sondern vieles mehr. Sie könnten nie mehr zu Staatsbesuchen in unser Land kommen. Und Sie würden auch von unserer Presse als übler Diktator dargestellt, der sein eigenes Volk im grossen Stil ausgeraubt hat.
Verstehen Sie uns bitte richtig. Wir glauben daran, dass Sie dank Ihren tatkräftigen Anhängern im Amt bleiben werden. Aber da doch eine geringe Chance besteht, dass man auch Sie aus dem Land jagt,
empfehlen wir Ihnen schon heute, mit Ihren Milliarden an einen ganz sicheren Ort zu wechseln. Bis vor kurzem war auch die Schweiz so ein Land, aber die Verhältnisse haben sich zu unserem Leidwesen geändert. Deshalb unser Vorschlag: Transferieren Sie Ihr Vermögen in eine unserer Filialen auf den Cayman Islands, die nicht dem Schweizer Gesetz unterstehen.
Auch dort erhalten Sie natürlich den bewährten Schweizer Bankservice, an den Sie sich gewöhnt haben. Aber dort kann unsere Aussenministerin keinen Schaden anrichten. Mit bestem Dank -und viel Glück für die kommenden Tage,Ihre Schweizer Bank
Publiziert am 06.02.2011
von: sonntagszeitung.ch

