Die Deutschen als Vorbild
Das Bild war bewusst gewählt und sollte Symbolcharakter haben. Nach dem Spiel der deutschen gegen die türkische Nationalmannschaft ging Angela Merkel in die Kabine und gratulierte dem türkischstämmigen Star Mesut Özil für seine Leistung, die er wie der in Polen geborene Miroslav Klose mit einem Tor gekrönt hatte. Aber es ist nicht nur der Fussball, der in Deutschland Beispiele für hervorragend integrierte Ausländer liefert. Bei den Grünen ist Cem Özdemir zum Bundesvorsitzenden gewählt worden und hat grossen Anteil am sensationellen Erfolg seiner Partei. Kaya Yanar ist einer der beliebtesten Comedians des Landes, der mit seinen vorwiegend ethnischen Pointen viel zur Entkrampfung zwischen Deutschen und Türken beiträgt.
Bei uns ist dies anders. Hierzulande werden Ausländer aus dem Balkan vorwiegend als Übeltäter dargestellt. Politische Parteien erhoffen sich Wahlgewinne, Boulevardblätter Auflage und Satiresendungen Lacher. Bei «Giacobbo/Müller» gibt es die Figur eines Jugos, der sich in seiner drolligen Sprache als asoziales Subjekt präsentiert und so bestehende Vorurteile bestätigt. In der Schweizer Politik hat kein einziger Secondo eine entscheidende Position erklommen, und dies nicht einmal bei den Multikulti-Linken. Dass im Fussball die Hälfte unserer Nationalmannschaft sehr fremdländische Namen trägt, wird zwar gerne hingenommen, dieser Volksgruppe jedoch nicht offen gutgeschrieben.
Auch in der Boulevardpresse gibt es Unterschiede. Im Hause Springer gibt es schriftliche Grundlinien, die Völkerverständigung fordern, an die sich auch die knallharte «Bild»-Zeitung zu halten hat. Beim «Blick» sucht man diese bewusste Haltung vergebens, wo aus Deutschland importierte Blattmacher mit Balken geschmückte Porträts ausländischer Übeltäter beinahe täglich zur Auflagesteigerung einsetzen, was prompt die SVP-Werbung inspiriert hat.
In einem solchen Klima wird der Kampf um die Ausschaffungsinitiative zum wichtigsten Thema. Der Streit darüber, mit welchem Ansatz man am meisten Ausländer am schnellsten rausschmeissen kann, wird zur Überlebensfrage des Landes hoch geschrieben. Wie wäre es da mit einer Prise mehr Gelassenheit und Fairness? Die Deutschen machen es uns vor. Offenbar haben sie aus der Geschichte etwas gelernt.
Publiziert am 31.10.2010
von: sonntagszeitung.ch

