Drogendealer Sepp Blatter
Das Übelste an der Fifa ist nicht, dass dieser Verein mit dem weltweiten Monopol über den beliebtesten Sport steuerfrei Milliarden kassieren kann. Es ist auch nicht die Tatsache, dass bei diesem mühelos eingeheimsten Geldregen korrupte Funktionäre an die Honigtöpfe drängen, um sich persönlich zu bereichern. Selbst die Borniertheit der leitenden Funktionäre, die sich jeglichem technischen Fortschritt verweigern und damit achselzuckend hinnehmen, dass entscheidende Spiele durch krasse Fehlentscheide verfälscht werden, ist nicht das Erschreckendste. Und es ist nicht einmal das Wissen, dass professionelle Banden seit Jahren den Sport kontaminiert haben, indem sie gezielt Spieler und Schiedsrichter bestechen und damit Spiele verfälschen. Nein, es ist nicht einmal die Gesamtheit all dieser Verwerfungen.
Aber es ist die Scheinheiligkeit, mit der man diesen ganzen Komplex umgibt - und Sepp Blatter ist der unbestrittene Weltmeister in dieser Disziplin. Er weiss aus der Geschichte genau, dass man düstere Aktivitäten immer mit generösen Wohltätigkeitsaktionen tarnen sollte. Deshalb ist seine offizielle Mission nicht der Sport, sondern nichts Geringeres als der Weltfrieden, wie er immer wieder verkündet. Und der Kampf gegen den Rassismus. Und der Kampf für Fairness. Und die Unterstützung der ärmsten Länder. Der Fussball sei nur der Transmissionsriemen, um diese wahrlich hehren Ziele zu erreichen, erklärt er jeweils treuherzig. Doch in Wirklichkeit ist Fussball der Gott, und Joseph S. Blatter sein Prophet.
Deshalb muss die eigentliche Agenda vertuscht werden. Und diese lautet: möglichst viel Macht, möglichst viel Ruhm und möglichst viel Geld - und das noch möglichst viele Jahre lang. Wenn man echt clever und gerissen ist, kriegt man all dies gleichzeitig hin.
Gibt es bei dieser Story ein Happy End? Natürlich nicht. Wir weltweit angefixten Fussballfans werden alle Vorbehalte gegen dieses fragwürdige Gebilde Fifa immer wieder beiseite schieben, sobald die nächste Weltmeisterschaft angepfiffen wird. Wie ein Drogendealer weiss Sepp Blatter, dass alles andere unwichtig wird, solange man den hochprozentigen Stoff rechtzeitig anliefert. Und weil dies so ist, wird er diesen Sturm genau so problemlos überstehen wie alle bisherigen.
Publiziert am 24.10.2010
von: sonntagszeitung.ch

