Kolumne

von Roger Schawinski

 

 

Beitrag vom 12.09.2010

Das bittere Ende einer Liebesaffäre

Es ist im Fussball wie überall: Der Chef soll die Bedingungen schaffen, damit seine Mitarbeiter zu Bestleistungen auflaufen können. Der deutsche Bundestrainer Jogi Löw hat dies an der WM auf exemplarische Weise geschafft. Sowohl Klose als auch Mertesacker und Friedrich spielten in ihren Klubs eine katastrophale Saison. Doch im Nationalteam waren sie plötzlich Weltklasse. Hier wurden sie zu Eckpfeilern einer begeisternden Mannschaft.

Im Schweizer Nationalteam läuft es genau umgekehrt. Dort spielt der Leverkusen-Star Tranquillo Barnetta immer um Klassen schlechter als im Klub. Dasselbe gilt für seinen Vereinskollegen Derdiyok. Und für Inler. Und für Frei. Und für andere mehr. Dies führte zu einer Serie unansehnlicher Spiele, was man wegen der glückhaften WM-Quali und dem märchenhaften Sieg über Spanien allzu lange geflissentlich übersehen hat. Doch jetzt ist alles anders.

Ottmar Hitzfeld ist einer der erfolgreichsten Fussballtrainer der Welt. Doch diese Leistungen erzielte er in einer anderen Disziplin. In einem Interview erklärte er mir, dass er als Klubtrainer eben «professionell» arbeiten konnte. Der akribische Fussballlehrer weiss haargenau, wie man eine Klubmannschaft optimal einstellt. Aber der Job eines Nationalcoachs ist ein ganz anderer. Da hat man weder die Zeit, einzelne Spieler «professionell» zu formen, noch eine zusammengewürfelte Mannschaft richtig einzuspielen. Als ich nachfragte, ob er seine neue Tätigkeit demnach als «unprofessionell» bezeichnen würde, lächelte er vielsagend.

Heute kennen wir alle die Antwort. Weder hat Hitzfeld die Mannschaft je richtig erreicht, noch hat er seine Spieler zu ihren Höchstleistungen geführt. Seine Anstellung war ein Grundlagenirrtum. Ein Löw kann auf dieser Basis arbeiten, ein Hitzfeld nicht. Deshalb hat er nun erstmals in seiner Trainerkarriere die Contenance verloren und einzelne seiner Spieler öffentlich abgekanzelt. Mit seiner sachlich richtigen Bemerkung, dass er in einer solchen Mannschaft nicht Stürmer sein möchte, hat er sich über sein ganzes Mittelfeld mokiert. Und damit hat der Gentleman seine Glacéhandschuhe ausgezogen. Die Liebesaffäre zwischen Hitzfeld und unserem Nationalteam ist vorbei, wenn nicht heute, dann nach dem nächsten Grottenkick. Eigentlich je früher, desto besser.

Publiziert am 12.09.2010
von: sonntagszeitung.ch





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