Sommertheater
Moritz Leuenberger hat eines seiner wichtigsten Probleme definitiv gelöst, das ihn sehr lange umgetrieben hatte: Von nun an wird ihn nie mehr ein Interviewer mit der Frage nerven, wann er denn endlich zurückzutreten gedenke. Seine Antworten waren manchmal locker-flockig, meist aber konnte er seinen Ärger nur schlecht kaschieren. Denn er fühlte sich durch diese Aufforderungen weder respektiert noch wertgeschätzt – wie fast immer in den letzten fünfzehn Jahren. Er selbst hat mit seiner Körpersprache und einem oft demonstrativen verbalen Unmut zu diesem Malheur beigetragen. Eine schlechte Presse holte er sich auch, weil er vielen Journalisten seine abgrundtiefe Verachtung für ihre Tätigkeit ungebremst entgegenschleuderte. Und da er keine Zurückweisung je vergisst, musste er über die Jahre hinweg sehr viel Bitterkeit in sich hineinfressen. Das wurde durch den Applaus bei grossen Auftritten und seine Fähigkeit zu verblüffend originellen Formulierungen auf die Dauer höchstens punktuell kompensiert.
Ein Politiker muss irgendwann zurücktreten. Wer den Abgang in die Bedeutungslosigkeit zu Lebzeiten scheut, muss eine andere Karriere einschlagen. Etwa als Papst. Oder als SVP-Erfinder. Oder als Fifa-Präsident. Zudem hat ein Bundesrat aus der SP doppelten Grund, die Verbannung aus dem Polit-Olymp so lange wie möglich hinauszuzögern. Anders als ein Alt-Bundesrat aus der FDP wird so jemand nie UBS-Präsident und sitzt auch nicht bald in lukrativen Verwaltungsräten. Da kommt man als Moritz Leuenberger schon ins Grübeln und schiebt die Sache immer wieder hinaus. Irgendwann gilt man aber zu lange als überfällig und muss ins kalte Wasser springen. Deshalb ist es glaubwürdig, wenn Moritz Leuenberger erklärt, er wisse noch nichts über das Leben danach. Denn ab heute ist er ernsthaft auf Jobsuche und wartet auf spannende Angebote. Leicht wird das mit Sicherheit nicht.
Publiziert am 11.07.2010
von: sonntagszeitung.ch

