Der Schatten von Sepp Blatter
Für die Fussball-Wettmafia ist Sepp Blatter ein Held. Ohne Videobeweise brummen ihre miesen Geschäfte beinahe so gut wie dasjenige der Fifa. In beiden Fällen geht es um viele Millionen. Nebenbei auch um Sport. Blatter ist mental stehen geblieben - so etwa im Jahre 1966. Noch heute streitet sich die Fussballwelt um das legendäre Wembleytor. Festgehalten von einer der wenigen im Stadion postierten TV-Kameras, konnte mittels körnigen Schwarzweissbildern nie eine eindeutige Antwort geliefert werden. Diesen Umstand verklärte der Fifa-Boss zur Unwägbarkeit des Fussballs, die seinen Sport in mystische Höhen tragen könne und damit zu dessen Unsterblichkeit beitrage.
Während er deshalb seine eigenen Regeln festzurrte, hat sich alles andere verändert. Heute erfassen Dutzende von hochauflösenden TV-Kameras und Superslowmotion-Sequenzen jede Bewegung, und zwar millimetergenau. Auch der letzte Zuschauer in Timbuktu sieht an seinem Bildschirm unendlich viel mehr als die drei alles entscheidenden Männer auf dem Platz, deren falsche Entscheide augenblicklich enttarnt werden. Damit wirft Sepp Blatter zuerst einmal seine eigenen Top-Schiedsrichter zum Frass vor - und dies ist für einen Arbeitgeber ein unethisches Verhalten. Zudem toleriert er bewusst, dass Spiele auf groteske Weise verfälscht werden. So desavouiert er seine eigene, mit vielen Millionen gespeiste «Fairplay-Kampagne».
In jeder Branche muss der Chef auf der Höhe der Zeit sein. Die Polizei wendet laufend neue forensische Mittel an, um den technologisch hochgerüsteten Gesetzesbrechern Paroli zu bieten. Mediziner setzen nicht mehr allein auf ihren scharfen Blick, sondern holen sich Informationen über Ultraschall oder MRI.
Doch Sepp Blatter glaubt, er schaffe es weiterhin mit dem altväterlichen Stethoskop. Den angerichteten Flurschaden hat er bisher immer nonchalant weggewischt. Damit unterstreicht er nur, dass seine autoritär ausgeübte Machtposition für viele Millionen von Fussballfans unerträglich geworden ist. Nun hat er Besserung versprochen, weil die Beweislage gegen ihn seit letztem Sonntag schlicht zu erdrückend geworden ist. Doch ich zweifle weiterhin. Der behende Walliser kann vieles. Aber über seinen eigenen Schatten springen gehört nicht zu seinem Repertoire.
Publiziert am 04.07.2010
von: sonntagszeitung.ch

