Ein Schmetterling in Griechenland
Jean Ziegler hat sich geirrt, als er vor Jahren vom Casinokapitalismus sprach. Das war beleidigend - beleidigend für die Casinos dieser Welt. Denn diese haben im Gegensatz zu den Börsen klare Regeln, die strikt überprüft werden.
Mit offenem Mund verfolgte ich am späten Donnerstagabend auf dem Finanzsender CNBC, wie sich an der Wallstreet totale Panik ausbreitete. Innert Sekunden rauschten die Kurse von Weltfirmen ungebremst in die Tiefe. Der grundsolide und riesige Konsumgüterhersteller Procter & Gamble mit einem Marktwert von 180 Milliarden Dollar verlor auf einen Schlag ein Drittel seines Werts und war plötzlich 60 unglaubliche Milliarden Dollar weniger wert, um diese Verluste ein paar Minuten später beinahe wieder wettzumachen. Selbst die vielen gleichzeitig drauflosquatschenden Fachleute und Moderatoren bei CNBC waren total ratlos. War dies nun irgendein technischer Fehler oder der Anfang vom Ende der Welt? Hatte sich irgendjemand mit einem «thick finger», wie es in der Börsensprache heisst, vertippt und so diesen Kurzcrash provozieren können, fragte Chefmoderatorin Maria Bartiromo? Oder sind es die allermodernsten Börseninstrumente, mit denen innert Millisekunden auf Marktveränderungen reagiert werden kann, die diese gewaltigen Konvulsionen ausgelöst haben, schlug ihr Kollege Rick Santelli vor. Oder waren es gar die eher harmlosen Bilder von den wenigen übrig gebliebenen Demonstranten in Athen, die gleichzeitig über alle Bildschirme flimmerten, die aus Verunsicherung Panik machten?
Diese wilde halbe Stunde geht mir nicht aus dem Kopf. Wir alle haben ein Grundvertrauen, dass es viel besser kommen wird, als es uns die bösen Medien immer wieder weismachen wollen. Vogelgrippe, Schweinegrippe, Finanzkrise - alles halb so schlimm. Nichts hat uns wirklich erschüttert. Doch irgendwann kann etwas geschehen, das uns in den Grundfesten erschüttern wird. Vielleicht ist es etwas Überraschendes, etwas ganz Kleines, das sich zu einem verzehrenden Monstrum auswächst. Gemäss der Chaostheorie kann sich der Flügelschlag eines Schmetterlings zu einer gewaltigen Katastrophe entwickeln. Und die beunruhigende Erfahrung von letzter Woche zeigt, dass die unkontrollierbare Börse jener Ort sein dürfte, an dem das verzehrende Feuer so richtig angefacht wird.
Publiziert am 09.05.2010
von: sonntagszeitung.ch

