Dampf ablassen
Das Spiel der Banker ist genial. Bei Kopf gewinnen sie, bei Zahl verliert der Staat. Das war die Erkenntnis aus der Finanzkrise. Doch das war falsch. Es ist viel schlimmer. Denn die Banker kassieren auch dann Millionenboni, wenn sie Milliarden versenken.
Letzte Woche wurde dieses üble Spiel noch weiter auf die Spitze getrieben. Hätten die angestellten UBS-Manager all ihre Anträge durchgebracht, wären sie subito zur Tagesordnung übergegangen. Nun aber haben die Besitzer der früheren Topmannschaft erstmals die Decharge verweigert. Das war revolutionär. Und das Resultat? Zero. Auch hier wird nichts geschehen, wie Kaspar Villiger sofort nach der Resultatsverkündung erklärte. Es sei nicht schlecht gewesen, dass die Aktionäre hätten «Dampf ablassen» können, fügte er in einem Interview hinzu.
Dampf ablassen? Das ist schändlich. Aus dem Mund eines langjährigen Bundesrats ist dies eine Ohrfeige. Er pervertiert die Aktionärsdemokratie zur Farce, er erniedrigt die Besitzer zu pubertierenden Störenfrieden. Und er versteckt sich hinter unklaren rechtlichen Grundlagen, um sie ins Leere laufen zu lassen. Damit zeigt Villiger sein wahres Gesicht: Er ist ein Konvertit. So wie sich die zum Islam konvertierten Schweizer zurzeit als die extremsten Fanatiker profilieren, so gibt sich Villiger in seinem neuen Umfeld als absoluter Hardliner. Zuerst beschimpfte er seine ehemalige Kaste der Politiker als «Laien», die sich nicht in die Welt der Bankenprofis einmischen sollten. Dann betete er als Banken-Zauberlehrling die Bonus-Hymnen am lautesten herunter. Und zum Schluss verspottete er als launiger GV-Conférencier die Entschlüsse der Mehrheit.
Inmitten dieser überlangen Inszenierung gab es nur ein ehrliches Votum vom Podium - und es kam ausgerechnet von Oswald Grübel. Der echauffierte sich, dass die Leute, welche die unglaubliche Summe von 60 Milliarden Franken versenkten, sich selbst viele Millionen zugeschoben haben. Das war selbst für einen knallharten Banker wie Grübel skandalös. Aber vielleicht war dieser spontane Ehrlichkeits-Ausbruch nur ein Malheur. Der Zauberlehrling überhörte es jedenfalls geflissentlich. Und spielte damit genau jene Rolle, für die ihn Grübel angeheuert hat. Vielleicht gibt es dafür noch einen Extrabonus.
Publiziert am 18.04.2010
von: sonntagszeitung.ch

