Aus der aktuellen Ausgabe

Die Odyssee des Gymnasiasten N.

Von Kenia ins Terroristen-Camp nach Somalia und ins Gefängnis - Teil 2 der Rekonstruktion des Falls Majd N. aus Biel

Von Daniel Glaus und Marie Maurisse

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Mit dem Flug KL0565 von KLM landet Majd N. am 23. Februar 2011 auf dem Jomo Kenyatta International Airport in Nairobi. Während seine Kameraden der Klasse 3C des Gymnase français in Biel für die Maturaprüfungen büffeln, ist der 19-Jährige unterwegs zur Terrororganisation al-Shabaab in Somalia. Ibrahim A., den er im Bieler Integrationszentrum Multimondo kennen gelernt hatte, stellte die Kontakte her.

Die SonntagsZeitung hat die Geschichte von Majd rekonstruiert. Der erste Teil vergangene Woche berichtete davon, wie sich der Gymnasiast radikalisierte, wie er von den Shabaab rekrutiert und finanziert wurde. Der zweite Teil zeichnet seinen Weg in Kenia und Somalia nach.

Nach der Ankunft in Nairobi fährt er ins Quartier Eastleigh, genannt «Little Mogadiscio». Im Nomad-Hotel wartet Majd, bis er nach Somalia geschleust wird. Am 1. März ist es so weit.

«Mr. Omar holte mich etwa um 17.30 Uhr im Hotel ab, um im Flüchtlingslager Dadaab Ibrahim A. zu treffen», sagte Majd in der ersten Vernehmung durch die kenianische Polizei, wie dem Protokoll zu entnehmen ist. «Mr. Omar brachte mich nach Garissa, wo ich in ein Haus gesperrt wurde. Omar und zwei andere Personen zwangen mich, ihnen 2000 Dollar zu geben. Ich hatte 3000 Dollar aus der Schweiz mitgebracht.»

Vom Flüchtlingslager schmuggeln ihn Shabaab-Leute nach Somalia. In der Ortschaft Dobley sperren sie ihn ein. Wie alle Neuankömmlinge wird er zunächst wie ein möglicher Spion behandelt und verhört. Die Shabaab lassen ihn ziehen und drei Tage später erreicht Majd die Hauptstadt Mogadiscio. An einer Strassensperre stoppt ihn die Shabaab und eskortiert ihn nach Baidoa.

Was tut der gebrechliche Gymnasiast in Somalia bei der Shabaab-Miliz, die in Somalia einen Scharia-Staat errichten will? Wollte er tatsächlich einzig «das Elend der Welt mit eigenen Augen sehen», wie er einem Freund sagte, und wurde dann entführt?

Über den Sommer 2011 erfahren die Klassenkameraden nichts von Majds Schicksal. Seine Eltern wollen weder ihnen noch der Schule Auskunft geben.

Wie mit dem Dossier vertraute Spezialisten sagen, telefoniert Majd wiederholt mit den Eltern sowie mit radikalen Islamisten in halb Europa. In Jihadisten-Kreisen heisst es darauf, der Gymnasiast sei ein talentierter Schütze. Und es kursiert bald das Gerücht, dass Abou Sa'ad al-Urduni, so sein Kampfname, zu Propagandazwecken fotografiert werde.

Im Oktober 2011 marschiert die kenianische Armee in Somalia ein. Mit der Operation «Linda Nchi» («Beschütze die Nation») will Kenia die Shabaab besiegen, weil die Terrorgruppe auch junge Kenianer rekrutiert, Anschläge verübt und Urlauber entführt.

Während die Soldaten vorrücken, stellen sie umfangreiches Material der Shabaab sicher. Darunter sind auch Fotografien von ausländischen Kämpfern. Die Anti-Terror-Spezialisten in Kenia vergleichen die Bilder auch mit dem Passfoto des jungen Mannes, der einige Monate zuvor in Nairobi gelandet war, mit Shabaab-Leuten telefonierte und dann verschwand - Majd ist identifiziert.

Die Fotografie zeigt Majd neben anderen Kämpfern in der typischen Shabaab-Kluft. Er trägt ein schwarzes Tuch um den Kopf, auf dem in weisser arabischer Schrift das islamische Glaubensbekenntnis prangt, das Emblem von Jihadisten, die sich zur al-Qaida zählen. In seinen Händen hält Majd ein Gewehr. Gemäss der kenianischen Polizei wurde das Bild im Ort Jilib aufgenommen.

Majd selber sagt laut dem Vernehmungsprotokoll: «Nach sechs Monaten habe ich militärisches Training erhalten; es dauerte drei Wochen, und ich beklagte mich über Krankheit. Ich blieb in einem Al-Shabaab-Haus in Baidoa. Ibrahim A. habe ich nicht getroffen, aber ich erfuhr, dass er in Somalia war.»

Januar 2012. Die kenianische Armee und die Truppen der UNO-Mission «Amisom» sind auf dem Vormarsch. Innerhalb der Shabaab flammt ein Konflikt auf. Die Kämpfer aus Somalia wollen sich auf den Krieg gegen die «Kreuzritter» und «Abtrünnigen» konzentrieren. Für die ausländischen Kämpfer, die sich dem weltweiten Jihad gegen die Ungläubigen nach Al-Qaida-Ideologie verpflichtet fühlen, ist die Schlacht um Somalia weniger wichtig. Etliche von ihnen setzen sich ab, etwa nach Jemen.

Majd meldet sich im Januar bei seinen Eltern. Er sagt, er wolle zurück in die Schweiz. Von einem Shabaab-Kommandanten erhält er nach eigenen Angaben 4800 US-Dollar - viel Geld für jemanden, der die Terrororganisation angeblich verlassen will.

Laut Shabaab-Propagandist Abou Mansour al-Amriki will sich Majd in Kenia medizinisch behandeln lassen und zurückkehren. Er hat sich eine Verletzung der Gesichtshaut zugezogen.

Im April 2012 registrieren die Geheimdienste mehrerer Länder verstärkte Aktivitäten der Shabaab, sogenannten Background Noise. Etliche ausländische Kämpfer telefonieren vermehrt und bewegen sich Richtung Kenia. Einige wollen sich wohl nur in Sicherheit bringen. Doch andere scheinen eine Mission zu haben, glauben kenianische und westliche Geheimdienstler.

Am 23. April 2012 veröffentlicht die US-Botschaft in Nairobi eine Warnung. Man habe glaubwürdige Hinweise auf einen möglichen Anschlag der Shabaab gegen Hotels und Regierungsgebäude in Nairobi.

Ist Majd bereits wieder bei seinen Eltern in Biel? Oder bewegt auch er sich auf Nairobi zu?

Die Schweizer Behörden glauben im April, Majd sei zurück im Land - eine Fehleinschätzung.

In einem Brief, den die SonntagsZeitung einsehen konnte, schreibt die Kantonspolizei Bern am 26. April 2012 einer anderen Behörde im Kanton, Majd sei wieder in der Schweiz. Man wisse aber nicht, wo er wohne. Die Kapo bittet um «sofortige» Meldung, falls das Amt etwas erfahre.

Weder die Kapo noch der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) wollten erklären, wie es zu diesem Irrtum kommen konnte.

Wahrscheinlich leitet die Schweiz den in Kenia aktiven Geheimdiensten die Falschinformation weiter, dass der Verdächtige wieder in der Schweiz sei.

In Wirklichkeit überquert Majd am 3. Mai die Grenze nach Kenia. Mit ihm ist Emrah Erdogan, ein Deutscher, in Pakistan zum Terrorkämpfer ausgebildet. Via Garissa reisen sie nach Nairobi. Dort sucht Majd die Madina Clinic auf und kehrt nach Garissa zurück. Mit Erdogan meldet er sich auf dem Polizeiposten. Sie behaupten, sie seien ausgeraubte Hilfswerkmitarbeiter. Die Beamten lassen ihnen Essen bringen und bezahlen das «Matatu» (Sammeltaxi) zurück nach Nairobi.

Dort trennen sie sich. Erdogan will nach Afghanistan. Majd hilft ihm noch, einen Brief in Arabisch zu schreiben, um die al-Qaida um Instruktionen zu bitten. Erdogan wird später in Tansania gefasst.

In Nairobi hilft ein Kenianer dem Gymnasiasten mit Terrorausbildung, eine Unterkunft zu finden.

Das Zimmer im Ark Land Palace Hotel im Zentrum Nairobis kostet 1500 Schilling pro Nacht, umgerechnet gut 16 Franken. Er checkt unter seinem richtigen Namen ein. Tagsüber verlässt er das Hotel jeweils für einige Stunden. Er spricht mit niemandem.

Majd bleibt zwei Nächte. Dann wechselt er ins Orchid-Hotel - das Zimmer zu 700 Schilling.

Gegen 6.30 Uhr am 10. oder 11. Mai - die Angaben gehen auseinander - verlässt Majd das Hotel. Mit einer Tasche in der Hand geht er an der Réception vorbei.

Wenige Meter vom Orchid-Hotel entfernt, an der Mfangano-Strasse, greift die Anti-Terror-Einheit Kenias zu. Sie bringt Majd auf die Polizeiwache Kileleshwa.

Schon in der ersten Einvernahme vermischt Majd seinen wirklichen Weg in Somalia mit der Legende einer Entführung. Doch weshalb gingen keine Forderungen ein? Und weshalb suchte er nicht die Hilfe der Botschaft, sobald er in Nairobi war?

Am 29. Juni erlässt die Schweiz ein Einreiseverbot gegen Majd, darauf bringt man ihn ins Remand Prison in der «Industrial Area». Die Affäre zieht sich hin.

Heute ist Majd seit über sechs Monaten in Haft. Mehrfach wurde er von kenianischen und schweizerischen Beamten befragt. Der mittlerweile 20-jährige, zerbrechlich wirkende Gymnasiast mit der hohen Stimme erstaunt die Beamten. Majd ist zäher, als er aussieht. Einer der Beamten sagt, Majd bleibe stets ruhig, er sei eher weinerlich als wütend. Stur beharre er darauf, erst zu kooperieren, wenn er in der Schweiz sei.

Derweil scheint er sich zu arrangieren. Die Botschaft versorgt ihn mit Kleidern, Essen, Seife, Zahnpasta und Büchern. Und seinen Mitgefangenen erteilt er Französischunterricht.
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Mitarbeit: Mohammed Yusuf, Nairobi, und Mohamed Hussein Abdi, Mogadiscio
recherchedesk@sonntagszeitung.ch

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Publiziert am 25.11.2012




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