Aus der aktuellen Ausgabe

Herr Tao Qu im Paradies

Tao Qu nahm mit seiner Frau Tao Zhang und Tochter Si Yu an der Reise teil und überliess der SonntagsZeitung seine Schweiz-Fotos


Was ein Chinese sieht, der in zwei Tagen die ganze Schweiz erleben will

Von Gabi Schwegler

Yuan Zhou schüttet ein Päckli Ovomaltine in seinen Grüntee. Nach dem ersten Schluck verzieht er das Gesicht, «wuah, das kann man ja nicht trinken. Was ist das?» Hilfesuchend schaut der 15-Jährige zu seiner Mutter. Sie blickt ratlos zurück.

Es ist Montagmorgen, wir sitzen beim Frühstück im Hotel Ceresio in Lugano. Am Vorabend ist Yuan mit der Reisegruppe «China Bamboo» in der Schweiz angekommen. Zwei Tage reist die 30-köpfige Gruppe durch die Schweiz, rund um die Uhr begleitet von der SonntagsZeitung. Zuvor besuchte «China Bamboo» in zwei Tagen schon Rom, Florenz und Venedig.

Am Tisch neben Yuan sitzt Tao Qu. Den Europäern stellt er sich mit seinem englischen Namen Tom vor, er trägt konsequent seine neue venezianische Kapitänsmütze. «In der Schweiz anzukommen, ist wie die Ankunft im Himmel», sagt der 45-Jährige, der in Peking für die Regierung in der Stadtentwicklung arbeitet und mit seiner 11-jährigen Tochter und seiner Frau unterwegs ist.

LUGANO
20.30-9.20 Uhr

Um 7.30 Uhr hat am Montagmorgen in den Zimmern das Telefon geklingelt. Wake-up-Call. Ein Reiseteilnehmer - er arbeite im Kernkraftwerkbereich, mehr wolle er der Presse nicht sagen - beschwert sich bereits bei der Reiseleiterin, wieso man nicht früher abfahren könne. Die Erklärung: Das Swiss Miniatur in Melide, der erste Programmpunkt des Tages, öffnet erst um 9 Uhr.

Auf der Fahrt nach Melide witzelt die Reiseleiterin über den neapolitanischen Chauffeur. «Er isst so ungesunde italienische Torten, fragt immer nur nach Trinkgeld und ist faul», knackst es durch die Car-Lautsprecher über den Köpfen. Gelächter. Der Fahrer merkt nichts, er spricht weder Chinesisch noch Englisch.

Die Reiseleiterin Shu-Lin Chien ist 49, Taiwanesin, für Europäer Sally, für die Reiseteilnehmer «miss» oder «the tourleader». An ihrem Hals klimpert Modeschmuck, die Paillettenweste glitzert, die roten Stilettos sind etwas zu klein. Seit zwanzig Jahren arbeitet sie in Asien und Europa als Reiseleiterin. Ihr Grundsatz: Sightseeing kommt vor Essen. Sie bläue den Teilnehmern vor dem Abflug in Peking als Erstes ein, dass «nicht über Stress geklagt wird. Sie haben es so gewollt.» Eigentlich wünscht sie sich, dass sich die Leute mehr Zeit nehmen würden für die Destinationen. Aber Reisen in nur ein Land buche derzeit kaum ein Chinese. Auch, weil die meisten pro Jahr nur zehn Tage Ferien haben, dazu kommen einige Feiertage.

Die Zahl der chinesischen Gäste in der Schweiz hat sich seit 1999 versiebenfacht. Im vergangenen Jahr reisten knapp eine halbe Million Chinesen in die Schweiz. Bereits heute ist diese Touristengruppe umsatzmässig wichtiger als jene aus Italien oder Belgien. Der Chinese gibt im Schnitt 350 Franken pro Tag und Person aus.

Für Tom war klar, dass er mit seiner Familie auf der ersten Europareise in die Schweiz kommt: «Auch wegen des Gruppendrucks. Man muss schon mal hier gewesen sein, weil alle Freunde ständig von der Schweiz erzählen und schwärmen.»

Die Reise kostet inklusive Flug, Essen, Transport und Übernachtungen umgerechnet zwischen 2500 und 3000 Franken pro Person. Das entspricht einem durchschnittlichen Monatseinkommen eines Mittelstandshaushalts.

In dieser Gruppe gehören alle Familien dem mittleren Mittelstand an. Die Eltern sind um die 40, arbeiten als Bankangestellte, als Klavierlehrer, als Vermögensverwalter. Ausser Tom und seine Familie, die während sieben Jahren in den USA lebten, sind alle das erste Mal im Ausland.

SWISS MINIATUR, MELIDE
9.45-11.25 Uhr

Bevor wir im Swiss Miniatur aussteigen, tut Sally das, was sie die nächsten zwei Tage vor jedem Aussteigen tun wird - den Verhaltenskodex durchgeben. Nicht so laut sprechen, nirgends auf den Boden sitzen, keine Blumen pflücken. «Ich entschuldige mich jeweils für meine unhöflichen Forderungen. Aber wir sind hier in Europa, ich will nicht, dass sie auffallen.»

Zehn Meter hinter der Eingangspforte vom Swiss Miniatur: Alle zücken ihre Fotoapparate, Videokameras, Smartphones. Auch die Kinder. Selbst die 6-jährige Duoduo, das jüngste Gruppenmitglied, knipst die Zugwaggons im Miniformat vor ihren Füssen.

Seit 2009 macht das Swiss Miniatur in China Werbung. 2011 besuchten 8000 Chinesen den Freizeitpark - doppelt so viele wie noch im Vorjahr.

Um 11 Uhr wird in einer klimatisierten Baracke neben dem Restaurant der chinesische Lunch serviert, gekocht vom chinesischen Koch, der im Swiss Miniatur angestellt ist. Es gibt Suppe, Reis und Luganighetta, Tessiner Schweinswürstchen. 20 Minuten später ist man sich einig, dass man lieber Huhn gehabt hätte. Aber der chinesische Veranstalter hat Luganighetta gebucht, weil dieses Menü günstiger ist.

Um 11.30 Uhr biegt der Car auf die Autobahn in Richtung Zentralschweiz. Ziel: Alpnachstad am Fusse des Pilatus. Sally empfiehlt, jetzt ein bisschen zu schlafen. «Bis zum Gotthard ist die Landschaft nicht schön. Aber danach, das Paradies, ich sage es euch. Dann ist Schlafen unmöglich.» Für die Wachgebliebenen zählt sie im Stau vor dem Südportal die Nationalitäten anhand der Autoschilder auf, Tom fotografiert durch die Windschutzscheibe die Blechkolonne. Die Bilder stellt er am Abend im Hotel auf Weibo, das chinesische Twitter. «Um meine Freunde zu Hause eifersüchtig zu machen.»

PILATUS KULM
14.35-15.40 Uhr

Im vorreservierten Waggon fahren wir mit der steilsten Zahnradbahn der Welt auf den Pilatus. Auf dem Weg wird fotografiert. Schliesslich hat «the tourleader» gesagt, dass nicht nur der Gipfel schön sei, sondern auch die Fahrt. Plötzlich herrscht Nervosität im Wagen. Kühe in Sicht. Alle drängen mit ihren Kameras zum Fenster. «Ich möchte auch eine Kuh sein. Die sind so frei und haben es so schön hier», sagt die 11-jährige Yi Zhou. In China gäbe es schon Kühe, aber nicht so wunderschöne.

Hinter ihr sitzt Li Jing, eine 45-jährige Bankangestellte aus der 8,5-Millionen-Stadt Handan. Sie fragt, ob sie oben Schnee sehen oder sogar berühren könne. «Im Schweizer Pavillon an der Expo in Shanghai hab ich einen Film gesehen, dort hatte es Schnee auf dem Berg.» Hauptsache Schnee. Ob er auf dem Titlis, der Jungfrau oder dem Tödi liegt, ist den Chinesen egal, im Reiseprogramm steht einfach «Schneeberg».

Gipfelnamen werden im Gegensatz zu fixen Sehenswürdigkeiten wie dem Löwendenkmal oder dem Bärengraben bewusst nicht angegeben. «So kann man sie im Notfall während der Reise weglassen, ohne dass es einer merkt», sagt Sally. Denn was mit Namen auf dem Programm ist, muss auf Biegen und Brechen besucht werden. Sonst gibts Beschwerden.

Auf dem Kulm angekommen, filmt Tom, der glaubt, auf dem höchsten Schweizer Berg zu stehen, das Panorama. Es sehe aus wie ein Gemälde. Obwohl hinunter nach Kriens nur Wolken zu sehen sind, findet er es «das Paradies». Seine Tochter Si Yu, oder Debby, wie sie sich auf Englisch nennt, schreit ins Tal: «Hallo Kühe, ich mag Rindfleisch!»

Li Jing zoomt mit ihrer Videokamera schneebedeckte Alpengipfel in der Ferne heran. Auf dem Pilatus liegt im Sommer kein Schnee.

LUZERN
16.30-18.00 Uhr

Eineinhalb Stunden sind in Luzern, oder Lusaien, wie es auf Chinesisch heisst, für Löwendenkmal und Shopping eingeplant. Während fünf Minuten posieren alle vor dem in Sandstein gehauenen Löwen.

Sally führt die Gruppe danach ins erste Uhrengeschäft, den Swiss Lion, wo es gratis Toiletten und mandarin sprechende Mitarbeiter gibt. Die Männer fragen nach «Lolex». Die gibt es aber erst morgen, beim Juwelier Bucherer. «Ich glaube nicht, dass diese Leute viele teure Uhren kaufen werden. Sie gehören eher zu jener Schicht, für die die Reise schon sehr teuer ist», sagt Sally. Tom kauft drei Swatch-Uhren.

Den Löwenplatz dürfen sie auf Sallys Geheiss nicht verlassen.

BRUNNEN
18.40-7.50 Uhr

40 Minuten dauert die Fahrt zum Hotel Bellevue in Brunnen. Die Männer richten sich am Seeufer mit Bier, Chips (Tom: «absolut ungeniessbar») und Zigaretten ein, die Mütter und die beiden alleinreisenden Väter bleiben mit ihren Kindern auf den Zimmern.

Sally bestellt auf 6.30 Uhr den Wake-up-Call. Um 7 Uhr streitet sie in der Lobby mit einer Angestellten, weil diese die Anrufe nicht gemacht hat. Trotzdem sitzen die meisten schon am Tisch. Familie Duan löffelt die selbst mitgebrachten chinesischen Instantnudeln aus einem Plastikgefäss. Die drei tragen Shirts mit Schweizer Kreuz, gekauft im Souvenirshop auf dem Pilatus.

Neben Tee wird an diesem Morgen auch Milch getrunken. Das, obwohl eigentlich mehr als 90 Prozent der Chinesen aus genetischen Gründen keine Milch vertragen. Doch seit 2004 bei einer Studie festgestellt wurde, dass vielen Chinesen Kalzium fehlt, fährt die Regierung gross angelegte Werbekampagnen. «Milch ist gut für euch - trinkt mehr Milch!»

LUZERN
8.35-11.55 Uhr

Schwanenplatz. Fast zwei Stunden stehen zur Verfügung für Einkaufen und Kapellbrücke. Ein Besuch bei Juwelier Bucherer ist fixer Programmteil. 30 von 200 Verkaufsmitarbeitern sind hier aus China, begrüssen ihre Landsleute auf Mandarin. Etwa zweimal pro Jahr organisiert Bucherer eine Art Knigge-Kurse für den Umgang mit chinesischen Kunden. Ziel: Fettnäpfchen umschiffen und Eigenheiten kennen.

Die Verkaufsmitarbeiter wissen nach diesem Kurs zum Beispiel, dass Chinesen den Zahlungsvorgang nicht wie Schweizer möglichst diskret abwickeln, sondern im Gegenteil zelebrieren wollen. «Sie legen die Kreditkarte so auf den Tisch, dass sie alle sehen können», sagt Jörg Baumann, Marketingdirektor bei Bucherer. «Manchmal rufen sie sogar noch einen Kollegen dazu, damit der sieht, was man sich leistet.»

Die Reiseleiter erhalten traditionell zwischen 5 und 10 Prozent Provision auf die Einkäufe ihrer Gruppe bei den Juwelieren. Genaue Zahlen nennt kein Unternehmen. Auch Sally spricht nicht gerne über die Provision: «Ich kann nur sagen, dass zum Schluss immer der Veranstalter in China gewinnt.»

In einem Café in einer Nebenstrasse gönnt sie sich etwas Ruhe. Dabei hat sie nur ihre Handtasche, in der sie sämtliche Reisepässe der Gruppe aufbewahrt. Eine Vorsichtsmassnahme, damit sich keiner von der Gruppe absetzt. Das wäre für sie und den Veranstalter eine Katastrophe. Bis jetzt ist ihr das noch nie passiert. «Lucky me», sagt sie.

Sally wirkt ermattet, ihre Energie und Bestimmtheit sind für einen Moment verflogen. Die Auseinandersetzungen mit dem immer gleichen Teilnehmer bedrücken sie. Seit dem Swiss Miniatur hetze er, wolle immer schneller weiter, führe sich besserwisserisch auf, höre nicht zu. «Und macht mir als Frau und Taiwanesin klar, dass die Macht auf seiner Seite sei.»

Tom kauft bei Bucherer keine Rolex, es sei gerade nicht der richtige Zeitpunkt. Stattdessen geht er zur Credit Suisse, um ein Bankkonto zu eröffnen. «Weder in China noch in den USA sind die Konti sicher. Aber ihr hier, ihr schützt eure Reichen.» Weil Dokumente und Zeit fehlen, kehrt er unverrichteter Dinge zum Treffpunkt am Schiffsteg zurück.

Eine Stunde fahren wir durch das Luzerner Seebecken. Einer entdeckt auf einer Jacht einen nackten Mann. Aufregung auf Deck. Ein anderer beruhigt: «Komm schon, das macht man halt in Europa, das schockt mich jetzt gar nicht.»

INTERLAKEN
13.30-16.40 Uhr

Hungrig steigen die Teilnehmer auf dem Parkplatz hinter dem Kursaal aus. Die Sonne brennt, Regenschirme werden aufgespannt. An der Strassenecke verteilt Sally beim Juwelier Kirchhofer, dem Platzhirsch in Interlaken, allen Reduktionsbons für Einkäufe in ebendiesem Laden.

Für einmal kommt Essen vor Shopping. Im chinesischen Restaurant Lian werden sechs grosse Schüsseln mit Reis und Beilagen aufgetragen. Alle füllen ihre Schälchen, neigen die Köpfe tief darüber. Nach 15 Minuten verlassen wir das Restaurant in Richtung Café Schuh. Schoko-Show. Weil wir spät dran sind, muss der Chocolatier seine Schau in 20 statt 35 Minuten durchpeitschen. Das Schoggifondue findet Yuan Zhou «das Beste, was ich je gegessen habe in meinem Leben».

Vor der Weiterfahrt wird dann doch noch eingekauft bei Kirchhofer: Kuhglocken in allen Grössen, Sackmesser, Postkarten und vergoldete Nagelscheren. Ein Ehepaar kauft für 370 Franken Mini-Sackmesser. Verwandten und Freunden Souvenirs heimzubringen, gehört für chinesische Touristen dazu.

Beim Carparkplatz schleicht eine blonde Frau mit Rock und Kind umher und verteilt Gratis-bibeln auf Chinesisch. Li Jing nimmt eine. Weil sie meint, es sei ein Bilderbuch. Als Yuan Zhou sie über den Inhalt aufklärt, lässt sie die Hand mit dem sorgfältig illustrierten Buch irritiert sinken.

Um 16.45 Uhr fahren wir ab. Es stehen noch Bern und Lausanne auf dem Programm, um 20 Uhr müssen wir wegen der Fahrzeitbeschränkung für den Chauffeur in Morges im Hotel sein.

BERN
17.40-18.35 Uhr

«Zusammenbleiben und schnell laufen», ermahnt Sally die Gruppe und geht mit grossen Schritten über die Nydeggbrücke in Richtung Altstadt von «Boerni». Mit einer fahrigen Handbewegung zeigt «miss» nach links unten, das sei jetzt eben der Bärengraben.

Vier Minuten vor 18 Uhr steht die Gruppe inmitten von Dutzenden anderen Touristen vor dem Zytgloggeturm. Eine Minute nach dem Glockenschlag fragt Debby: «Sind jetzt all diese Leute nur für diese Glocke gekommen?» Vater Tom findet es «bezaubernd, wunderschön».

Um 18.40 Uhr tippt der Chauffeur fahrend die nächste Zieladresse in sein GPS ein: Musée Olympique, Lausanne.

LAUSANNE
20.30-21.45 Uhr

Offenbar gab er stattdessen Stade Olympique ein, die Pontaise. Die GPS-Batterie ist leer, ziellos kurven wir durch die Innenstadt. Sally ist wütend. Aber sie hat noch nie so viel von Lausanne gesehen wie an diesem Abend.

Wieso beim Olympischen Museum Halt gemacht wird, weiss niemand. Eine Umfrage in der Gruppe ergibt: Keiner kennt das Museum. Aber es steht auf dem Programm. Vor dem Museumslogo wird deshalb nur kurz fotografiert und posiert.

Im Coop Pronto im Bahnhof Lausanne kaufen wir das Znacht ein. Weil Chinesen kaltes Essen generell nicht mögen, stehen die Erwachsenen vor der Mikrowelle beim Chipsregal Schlange und wärmen ihre Betty-Bossi-Fertigmenüs auf. Spaghetti bolognese.Die Kinder schlecken Glace.

MORGES
22.10-8.15 Uhr

Die Ersten sind um 6 Uhr schon wieder auf, schlendern durch die Hauptgasse von Morges an den See. Um 8.15 fährt «China Bamboo» los. Vor ihnen liegen 527 Kilometer Fahrt und zwei Tage Paris. Dann fliegen sie zurück nach Peking.

Li Jing will ihren Freunden zu Hause von den vielen Seen und den sauberen Strassen berichten. Yuan Zhou von der steilen Zahnradbahn. Debby will ihren Schulfreundinnen erzählen, dass es in der Schweiz tatsächlich nur einen einzigen freien Bären gibt, M13. Und selbst der sei nicht immer da. Ihr Vater Tom will bald zurückkommen, zum Skifahren.

Publiziert am 19.08.2012




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