Aus der aktuellen Ausgabe

«Ich fühle mich nicht besonders schuldig»

Mittagessen mit dem Starökonom und Selbstplagiator Bruno S. Frey, der an der Universität Zürich nicht mehr erwünscht ist

Von Nadja Pastega

Das Restaurant Schiller liegt ein paar Schritte vom Zürcher Opernhaus entfernt. Eigentlich mag Bruno S. Frey das Dichtergenie nicht besonders, «zu schwülstig». Er bestellt die geschnetzelten Kalbslebern. Klassische Musik rieselt durch das Lokal. Auf einer Schiefertafel wird in Schönschrift ein feudales Mehrgang-Menü angepriesen. Dagegen wirkt die hagere Gelehrtenfigur des Professors wie der Kontrapunkt der Opulenz.

Frey ist europaweit einer der bekanntesten Ökonomen. Er hat das Glück der Menschen erforscht, die Gefühlslage von Berufspendlern vermessen, das Einkommen als Wohlfühlfaktor untersucht. Er hat darüber viel publiziert und er hat noch mehr Zitierungen eingeheimst.

Und jetzt hat er ein Problem.

Glücksforscher Frey ist an der Universität Zürich nicht mehr erwünscht. Der 71-jährige Wirtschaftsprofessor wurde 2006 emeritiert, wegen seiner wissenschaftlichen Verdienste beschäftigte ihn die Uni weiter. Sein Vertrag war jeweils auf zwei Jahre befristet und wurde stets erneuert. Die nächste Frist läuft am 31. Juli ab - dann ist Schluss für Frey.

Die Universität Zürich schweigt über die Gründe. Aber Uni-intern und auf Ökonomenblogs ist die Debatte heiss gelaufen - gegen Frey: Er sei über Plagiatsvorwürfe gestolpert, die vor einem Jahr publik wurden.

Damals hiess es in Internetforen, Frey schreibe sich quasi selber ab. Er publiziere ähnliche oder gleichlautende Artikel in verschiedenen Fachjournalen, ohne auf die jeweils anderen hinzuweisen. «Eigenplagiat» nennt man das in der Wissenschaft.

«Ich fühle mich nicht besonders schuldig», sagt Frey. «Ein Selbstplagiat ist etwas fundamental anderes, als wenn man von jemandem abschreibt.» Noch nie habe man ihm vorgeworfen, dass er
bei anderen abschreibe. Für das Selbstplagiat habe er sich entschuldigt. «Ich könnte aber Dutzende von Kollegen nennen, die genau das Gleiche machen, wie mir jetzt vorgeworfen wird.»

Freys Glück hängt nicht von der Universität Zürich ab

Glücksforscher Frey trägt einen grünlichen Anzug, eine bunt gestreifte Krawatte und ein Dauerlächeln. Eine barocke Komposition orgelt durch das Schiller. «Johann Sebastian Bach!», strahlt Frey: «Er hat das Gleiche x-mal verquantet. Warum sagt da eigentlich niemand was?»

Inzwischen haben seine Kritiker im Internet die Website freyplag.wikia.com aufgeschaltet. Angelehnt an die Onlineplattform Guttenplag-Wiki, wo ein Sturmtrupp von freiwilligen Plagiatsjägern die Doktorarbeit des damaligen deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg zerpflückte. Er musste zurücktreten.

Die Vorwürfe gegen Frey gehen weniger weit. Doch Eigenplagiate sind unter Wissenschaftlern verpönt. Ökonomen lästern über die «Eitelkeit eines Egomanen». Einen Aufsatz über den Untergang der Titanic habe Frey gleich in vier verschiedenen Zeitschriften platziert - als würde die gesamte Wissenschaftswelt Schiffbruch erleiden ohne die multiple Verbreitung seiner Arbeiten. «Wo ist das Problem?», schiesst Frey zurück. «Wer etwas bereits kennt, muss es ja nicht noch einmal lesen.»

Zum Glück hänge er nicht von der Universität Zürich ab, er habe genug Alternativen. Da sind die wissenschaftlichen Beiräte diverser Hochschulen, in denen er sitzt. «An der englischen Universität Warwick bin ich sogar ?Distinguished Professor?.» Das sei, schiebt Frey nach, eine Stufe höher als ein normaler Professor.

Der Starökonom ist genervt. Von den Ökonomen, vielleicht sogar von allen Wissenschaftlern an der Uni Zürich sei er derjenige, der am meisten verschiedene Themen erforsche. Glück, Kunstökonomie, Management, Terrorismus, hinter jedem Wort hängt ein Ausrufezeichen in die Luft. «Es gibt Kollegen», sagt Frey, «die das ganze Leben immer nur das Gleiche machen.»

«Hoi Bruno», ruft einer im Vorbeigehen. Wahrscheinlich kein Kollege von der Uni, so nett, wie der grüsst.

Über Freys Zukunft wurde an einer Fakultätssitzung vor rund drei Wochen entschieden. Die Abstimmung war anonym. Und geheim. Die Fakultätsmitglieder unterliegen der Schweigepflicht. Ausgeplaudert wurde das Abstimmungsergebnis dann trotzdem. «Da haben einige Fakultätsmitglieder eindeutig etwas gemacht, das man auf keinen Fall darf.»

Nie habe er Krach mit jemandem an der Fakultät gehabt, es habe keine persönlichen Auseinandersetzungen gegeben. «Und jetzt plötzlich - zack!»

Frey nippt an einem Espresso Macchiato. «Ich habe bis heute keine offizielle Mitteilung erhalten, dass mein Vertrag nicht verlängert wird.» Er habe davon aus deutschen Blogs erfahren. «Bloogs», sagt der gebürtige Basler, es klingt wie fernes Donnergrollen. Das Vorgehen der Universität Zürich sei, «diplomatisch ausgedrückt», höchst «unfein».

Glücksforscher Frey knipst sein Lächeln aus.

Publiziert am 29.04.2012




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