Wie viel Wachstum brauchen wir?
Eine tot geglaubte Debatte kehrt zurück - auch in der Schweiz
von Philipp Löpfe
Sie war eine der zentralen Fragen der 1970er-Jahre, verschwand dann weitgehend aus der öffentlichen Debatte - und sorgt plötzlich wieder für Schlagzeilen: Gibt es Grenzen des Wachstums?
Mit zunehmender Sorge beobachten Wissenschaftler und Politiker, wie sich die Zahl der Menschen, die auf der Erde leben, der 7-Milliarden-Grenze nähert. Gemäss Prognosen der Vereinten Nationen sollen es 2050 rund 9 Milliarden sein.
Die Frage, die der Evolutionsbiologe Jared Diamond 2005 in seinem Buch «Kollaps» aufwarf, ist aktueller denn je: Was, wenn alle Menschen den gleichen Lebensstandard beanspruchen wie jene in den Industrienationen?
Nicht nur die Bevölkerungsexplosion, auch die Klimaerwärmung und die globale Wirtschaftskrise haben dazu beigetragen, dass die Wachstumsdebatte ein Comeback feiert.
In Deutschland protestierten Hunderttausende gegen Atommülltransporte und gegen ein gigantisches Bahnprojekt in Stuttgart. Die deutschen Grünen würden laut jüngsten Wählerumfragen 20 Prozent der Stimmen erreichen.
Kein Wunder, reagiert nun auch die deutsche Kanzlerin: «Wir müssen lernen, den Wachstumsbegriff neu zu definieren», dozierte Angela Merkel kürzlich vor verdutzten Parteifreunden.
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat die beiden Ökonomen und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen beauftragt, einen neuen Wachstumsbegriff zu entwickeln, der sich nicht mehr allein auf das Bruttoinlandprodukt abstützt.
Es gibt Öko-Asketen und Öko-Hedonisten
Auch in der Schweiz feiert die Wachstumsdebatte eine Wiedergeburt. Der Club of Rome meldet sich aus der Versenkung zurück und veranstaltet am 18. November zusammen mit der Entwicklungshilfebehörde Deza eine Podiumsdiskussion zum Thema «Gerechtigkeit im Treibhaus - Was macht die Schweiz?» Der Club hatte mit seinem 1972 veröffentlichten Report «Die Grenzen des Wachstums» die ökologische Debatte weltweit massgeblich geprägt. 2008 verlegte er seinen Sitz von Hamburg in Deutschland nach Winterthur.
Soeben sind zwei wachstumskritische Bücher erschienen: «Postwachstumsgesellschaft» heisst eine Essaysammlung der ETH-Dozentin Irmi Seidl und der deutschen Ökonomin Angelika Zahrnt. «Schluss mit dem Wachstumswahn» lautet der Titel eines neuen Buchs von Urs P. Gasche und Hanspeter Guggenbühl.
In beiden Büchern steht eine These im Mittelpunkt, die Zahrnt und Seidl wie folgt formulieren: «Wachstum als vielseitiger Problemlöser - für Vollbeschäftigung, sozialen Ausgleich, Lebensqualität - hat in den Industrieländern ausgedient.»
Doch Wachstumskritiker ist nicht gleich Wachstumskritiker. Alle streben sie eine Gesellschaft an, die im Einklang mit der Natur lebt und dafür sorgt, dass künftige Generationen keine schlechtere Welt vorfinden als wir.
Der Weg dorthin ist jedoch umstritten, es gibt verschiedene Schattierungen von Grün. Grob lassen sich zwei Strömungen unterscheiden: die Öko-Asketen und die Öko-Hedonisten.
Die Asketen setzen auf Verzicht. Sie plädieren für weniger Konsum, weniger Energieverbrauch und weniger Subventionen. Nicht nur bei der Umwelt, sondern auch bei der Sozial- und Wirtschaftspolitik wollen sie vor allem sparen. Das kann gelegentlich für Verwirrung sorgen. So sind die tendenziell dem linksgrünen Lager zugehörigen Autoren Gasche und Guggenbühl sehr liberal, wenn es um die Ankurbelung der Wirtschaft geht.
«Das keynesianische Rezept, wonach der Staat in schlechten Zeiten den Konsum und damit die Wirtschaft mit Geldspritzen stützen muss, hat ausgedient», halten sie fest. Auch bei den Subventionen kennen die beiden keine Gnade - sie werden immer und in jedem Fall als schlecht erachtet. Gasche und Guggenbühl fordern letztlich eine ökologische Gürtel-enger-schnallen-Politik.
Ähnlich asketisch geben sich Seidl und Zahrnt. Sie wenden sich gegen den «haushaltspolitischen Schlendrian» und fordern die «Etablierung von ausgeglichenen Haushalten und einen Abbau der Verschuldung».
Sind die Öko-Asketen also Neoliberale mit grünem Anstrich? Nein, denn sie streben auch einen Umbau der Wirtschaft an. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, die nicht auf Konsum und Vollbeschäftigung fusst. Mehr Freizeit, weniger Stress lautet die Devise.
Die Technik als Verbündete der Umweltschützer
«Künftige Produktivitätsfortschritte sollten wir für mehr Freizeit verwenden, statt noch mehr zu konsumieren», fordern etwa Gasche und Guggenbühl. Auch in der «Postwachstumsgesellschaft» à la Seidl und Zahrnt soll deutlich weniger gearbeitet werden - zum Beispiel, nach einer Berechnung des Ökonomen Norbert Reuter, 23,6 Stunden pro Woche.
Typisch für die Asketen ist jedoch ihre skeptische Haltung gegenüber dem technischen Fortschritt und dem «nachhaltigen» Wachstum. «Die Theorie ist gut», heisst es bei Gasche und Guggenbühl, «sie hat nur einen Haken. Das ?qualitative Wachstum? blieb ein leeres Versprechen. Denn zwischen dem Wachstum der Wirtschaft und dem Verbrauch von natürlichen Ressourcen besteht weiterhin ein enger Zusammenhang.» Hedonisten sehen das nicht so eng. Einer ihrer Vertreter ist Ernst Ulrich von Weizsäcker, der wohl bekannteste Umweltwissenschaftler Europas. Der Biologieprofessor und SPD-Politiker wurde 2008 mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet und leitete zuletzt eine Umwelthochschule in Kalifornien.
Von Weizsäcker will auf Verschwendung, aber nicht auf Genuss und Lebensqualität verzichten. «Was wir brauchen, sind Hocheffizienz-Technologien», sagt er. In seinem Buch «Faktor Fünf» stellt er Techniken und Systeme vor, die in der Lage sind, bis zu fünfmal weniger Energie und Rohstoffe zu verbrauchen als bisherige.
Tatsächlich entwickelt sich die moderne Technik immer mehr zum stärksten Verbündeten der Umweltschützer. Das neue Zauberwort heisst «Smart Grids». Darunter versteht man sogenannt intelligente Netze: Stromnetze etwa, die nicht nur Energie sparen, sondern auch konservieren und erzeugen. Oder Wassernetze, in denen das Wasser beliebig oft wiederverwendet werden kann.
Smart Grids ist mehr als nur ein Modewort. In China soll ein intelligentes Stromnetz bereits 2020 Tatsache sein. In Israel und Dänemark ist ein flächendeckendes Versorgungsnetz für Elektroautos mit Batterietankstellen im Aufbau.
Singapur will mit Smart Grids gar zur Modellstadt des 21. Jahrhunderts werden. «Die Stadt will ein ?intelligentes Labor? für urbane Technologien jeder Art werden», schreibt das britische Magazin «The Economist»: «Das betrifft nicht nur Wasser und Transport. Es entstehen zum Beispiel auch ?grüne? Gebäude und eine saubere Energie- und Stadtverwaltung.»
Das ist Wasser auf die Mühlen von Michael Braungart, einem deutschen Professor für Verfahrenstechnik. Er hat zusammen mit dem amerikanischen Architekten William McDonough das sogenannte Cradle-to-Cradle-Prinzip entwickelt. Die Idee: Müll soll der Vergangenheit angehören, indem zwei geschlossene Kreisläufe errichtet werden - biologischer Abfall wird zu Kompost, Metalle werden unendlich oft wiederverwertet. In der Schweiz ist das Cradle-to-Cradle-Prinzip noch kaum bekannt. Einige Firmen wenden es aber bereits mit Erfolg an. So hat der Textilbetrieb Rohner im St. Galler Rheintal zusammen mit Braungart einen Bezug für Flugzeugsitze entwickelt, der so wenige Giftstoffe enthält, dass man ihn essen könnte. Das Gleiche gilt auch für einen Teil der Unterwäschekollektion von Triumph.
International stösst das Cradle-to-Cradle-Prinzip auf wachsendes Interesse. Die Niederlande und Dänemark haben es zur Maxime ihrer Industrieförderung erhoben. In China hat sich das Braungart-Buch «Einfach intelligent produzieren» mehr als 15 Millionen Mal verkauft, nachdem es von Präsident Hu Jintao persönlich gelobt worden war. In den USA ist der Regisseur Steven Spielberg von diesem Buch so begeistert, dass er es verfilmen will.
Der Autohersteller Ford hat seine erste Produktionsstätte in den USA nach Cradle-to-Cradle-Prinzipien umbauen lassen. Die gesamte Fabrik erhielt dabei Gründächer, die etwa die Hälfte des Regens auffangen und das langsam verdunstende Wasser zur Kühlung verwenden. Die auf den Dächern gepflanzten Bäume reinigen die Luft und bieten Lebensraum für Vögel, Insekten und andere Tiere. Als Nebeneffekt schaffen sie eine angenehme und menschengerechte Arbeitsumgebung.
Michael Braungarts Fernziel: Gebäude, die mehr Energie produzieren als verbrauchen, und Fabriken, die Abwasser in Trinkwasserqualität freisetzen.
Während die Öko-Asketen dazu neigen, den Menschen als Schädling zu betrachten, will der Öko-Hedonist Braungart den Menschen mittels Technik zu einem Nützling umfunktionieren. «In meiner Perspektive ist der Mensch eine Chance für diesen Planeten», sagt Braungart, «kein Risiko.»
Publiziert am 14.11.2010
