Eine Schande für die Kurden
Hilfsorganisationen in Irak-Kurdistan setzen alles daran, weibliche Genitalverstümmelungen zu stoppen
von Birgit Svensson
Rehan trägt ein knallrotes Kleid mit kleinen, schwarzen Ornamenten. Sie ist die lebhafteste der
13 Frauen, die sich an diesem Morgen im Wohnzimmer des Dorfvorstehers von Jalach, des «Mokhtar», versammelt haben.
Nach der Begrüssung der Besucher aus der Stadt herrscht für wenige Minuten betretenes Schweigen - bis die Frau des Mokhtar Wasser und Limonade serviert und der Mann das Zimmer verlässt. Dann packen die Frauen aus. Rehan erzählt, wie sich vier weibliche Wesen auf sie stürzten: ihre Mutter, zwei Tanten und eine Fremde. Wie sie sie festhielten, auf den Küchentisch zerrten und ihre Beine auseinanderpressten - und wie die fremde Frau ihr mit einer Rasierklinge Verletzungen zufügte.
«Ich habe geschrien, dass man es im Nachbardorf hören konnte», berichtet Rehan, «ich habe mich gewehrt, so gut ich konnte.» Das hatte zur Folge, dass die fremde Frau ihr «nur» die Klitoris abschnitt und nicht - wie bei den meisten anderen Mädchen - auch die äusseren Schamlippen. Sieben Jahre ist das her. Damals war Rehan zehn Jahre alt. «Aber es tut mir noch heute weh, besonders wenn ich meine Monatsblutung habe.»
Nun fangen auch die anderen Frauen an zu erzählen. Es tut ihnen gut, endlich darüber reden zu können, nachdem das Thema lange ein Tabu war - zu lange. Von Blut ist die Rede, Blut, das nicht mehr aufhören wollte zu fliessen. Von Scham, wenn einem der Slip ausgezogen wird oder man ganz nackt die Prozedur über sich ergehen lassen muss. Von Hebammen ist die Rede, die man von der Geburt der Geschwister her kannte und zu denen man eigentlich Vertrauen hatte. Und von den Mitgliedern der eigenen Familie ist die Rede - besonders von der Mutter, der man glaubte, als sie damals sagte: «Es tut gar nicht weh.»
Im Gegensatz zu Rehan sei sie ganz ruhig gewesen, bemerkt Marwa, deren beigefarbener Schal lang über das lila Gewand herunterhängt. Ihr Mann habe sie deshalb zur Braut ausgesucht, weil sie bei der Beschneidung so tapfer gewesen war. Das verspricht Leidensfähigkeit. Im Dorf seien alle Frauen beschnitten, sagt Marwa. «Das war immer so, das ist Tradition.»
Um den Dorfvorsteher kommen die Aufklärerinnen nicht herum
Jalach ist ein Zusammenschluss von vier Dörfern, eine halbe Autostunde von Sulaymaniya entfernt, der zweitgrössten Stadt in Irak-Kurdistan. Noch ein wenig verschlafen sitzen Perwa und Aziz im weissen Pick-up, der sie um acht Uhr morgens nach Jalach bringt. 84 Dörfer haben die beiden Sozialarbeiterinnen im Auftrag der deutsch-irakischen Hilfsorganisation Wadi schon besucht. Immer drei in einer Woche.
Und immer bitten sie höflich den Mokhtar um Mitwirkung, wenn sie mit den Frauen des Dorfes sprechen wollen. «Um den Mann kommst du nicht herum», lächelt die 25-jährige Aziz. «Er muss die Frauen zusammenrufen. Stellt er sich quer, haben wir keine Chance.» Doch in der Regel seien die Dorfvorsteher kooperativ.
In der Sprache der Experten nennt man die weibliche Genitalverstümmelung FGM - Female Genital Mutilation. Man kennt sie vor allem aus Afrika. Dass FGM auch in Kurdistan verbreitet ist, weiss kaum jemand. Die bisher umfangreichste Studie zum Thema, welche die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes 2005 veröffentlichte, zählt 28 afrikanische Länder (vor allem südlich der Sahara) und Teile von Jemen und Oman auf, in denen weibliche Genitalverstümmelung vorkommt.
Kurdistan ist in diesem Bericht nicht erwähnt. Neue Erhebungen zeigen jedoch, dass nicht nur Kurdinnen im Irak, sondern auch im Iran und wahrscheinlich auch in Syrien beschnitten werden. Kurden, die aufgrund politischer Verfolgung von Syrien in den Irak geflohen sind, bestätigen dies. Der Schluss liegt deshalb nahe, dass weibliche Genitalverstümmelung ein ethnisches Phänomen darstellt. Die Verbreitung lässt sich also nicht nach Staatsgrenzen bestimmen.
Weibliche Genitalverstümmelung ist auch nicht auf die Anhängerinnen einer bestimmten Religion beschränkt. Sie betrifft alle Mädchen. Wenn die beiden Sozialarbeiterinnen Aziz und Perwa die kurdischen Dörfer besuchen, befragen sie die Frauen mittels Fragebögen unter anderem nach ihrer Religionszugehörigkeit. «Auch Christinnen und Anhängerinnen des Jesidismus sind beschnitten, nicht nur Musliminnen», weiss Aziz.
Trotzdem begründen viele Frauen die Beschneidung mit der Religion. Auch in Jalach behauptet die Mehrzahl der Frauen im Wohnzimmer des Mokhtar, dass es der Islam so vorschreibe. Jetzt ist Perwas Stunde der Aufklärung gekommen. Sie hat Schriften mitgebracht, aus denen hervorgeht, dass lediglich die so genannten Hadithe die Beschneidung erwähnen, nicht aber der Koran. Dabei handelt es sich um Aussprüche, die dem Propheten Mohammed zugesprochen und unterschiedlich interpretiert werden. Laut eines Hadiths soll der Prophet gesagt haben: «Nehme ein wenig weg, aber zerstöre es nicht. Das ist besser für die Frau und wird vom Mann bevorzugt.»
Traditionen ändern sich nur langsam, manchmal gar nie
Perwa sieht darin die Absage an Beschneidungen der weiblichen Genitalien, weil der Eingriff bei Frauen, anders als bei Männern, immer zerstörerisch sei. Die Frauen von Jalach nicken. Als Aziz sie schliesslich fragt, ob sie beabsichtigen, ihre Töchter beschneiden zu lassen, erheben sich fünf Frauen und verlassen das Treffen.
Zurück bleiben diejenigen, die mit der Tradition brechen wollen. «Wir arbeiten so lange, bis sich die Situation der Frauen in Kurdistan grundlegend ändert», gibt sich Perwa kämpferisch. Doch Traditionen ändern sich nur langsam. Manchmal gar nie.
So wie bei FGM. Besonders in Kurdistan gibt die Praxis Rätsel auf. «Lange Zeit wurde sie totgeschwiegen», sagt Gasha Hafid Dara, Vorsitzende des Frauenausschusses im kurdischen Regionalparlament. Nach der Ursache befragt, nennt sie traditionelle Hintergründe. «Manche Experten sagen, der Brauch gehe sogar auf pharaonische Zeiten zurück, als die Herrscher Ägyptens einen Teil Mesopotamiens erobert hatten.» Doch genaue Forschungen stünden noch aus.
Für die Kurden sei dies eine Schande, meint Gasha. Einerseits wollen sie im neuen Irak eine Vorreiterrolle einnehmen, reden von Reformen und Demokratisierung - «und dann das!» Archaische Züge in einer modernen Gesellschaft? «Wir sind in einem Veränderungsprozess», wirbt die Parlamentarierin um Verständnis. «Da können wir nicht alles gleichzeitig anpacken.»
Aber ein Gesetz zum Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung wird es in Irak-Kurdistan bald geben, ist die 37-jährige Kurdin überzeugt. Eine Gesetzesvorlage liegt bereits auf dem Tisch des Parlamentspräsidenten. Viele männliche Abgeordnete wollten auch dafür stimmen. Doch Beispiele wie Ägypten hätten auch gezeigt, dass Gesetze allein nicht ausreichen, um eine derart fest verankerte Praxis zu unterbinden. Deshalb sei es so wichtig, sagt Gasha, dass auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen dagegen vorgegangen werde.
Publiziert am 20.06.2010
