Nicht ohne Grosi
Toyota bringt mit dem Prius Plus Wagon den ersten Van mit Hybridantrieb
Von Andreas Faust
Wenn Tatsu Agata, Vize-Chefentwickler bei Toyota, am Wochenende Frau und Kinder ins Grüne chauffiert, sind seine Eltern immer mit an Bord. Eltern vorne, Grosseltern dahinter, Kinder auf der dritten Sitzbank im Kofferraum. So halten es viele Japaner. In Europa macht man das nicht? Agata kann es kaum glauben.
Auf die ausklappbare dritte Sitzbank des nur siebenplätzig erhältlichen Toyota Prius Plus Wagon mag man in Europa nicht gewartet haben - auf einen Hybrid-Van schon. Denn zu wenig Laderaum und die in Europa nicht gerade angesagte Karosserieform dürften den normalen Prius trotz 2,6 Millionen verkauften Exemplaren bisher einige Hybrid-willige Kunden gekostet haben.
Die hübschere Silhouette bekommt man nun zur grossen Heckklappe und dem je nach Sitzkonfiguration bis zu 1750 Liter fassenden Kofferraum obendrauf. Typische Prius-Details wie senkrecht angeordnete Tagfahrlichter oder die geschweiften Scheinwerfer zieren auch den Van, aber ihm fehlt das Schnörkelig-Barocke des Prius. Entschlackung täte indes auch dem Innenraum gut. Das Interieur wirkt ein bisschen, als ob der Chefgestalter keinem Mitarbeiter Ideen hat abschlagen können - und daher gleich alle realisiert hat. Etwas weniger Hartplastik dürfte es auch gerne sein.
Weniger elektrisches Fahren, dennoch geringer Verbrauch
Aber der Sitzkomfort lässt keine Wünsche offen, die hinteren Einzelsitze falten sich spielend leicht zusammen, und der gegenüber dem Prius um acht Zentimeter verlängerte Radstand lässt den Knien üppigen Spielraum. Von der dritten Sitzreihe darf man keine Raumwunder, sondern nur Kindertauglichkeit erwarten.
Der Antrieb liess sich prinzipiell vom Prius übernehmen. Der unter niedrigen Verbrennungstemperaturen sparsam arbeitende Benziner und ein Elektromotor übertragen ihre Kraft per Planetengetriebe und eine stufenlose Getriebeautomatik auf die Vorderachse. Die voluminöse Nickel-Metallhybrid-Batterie des normalen Prius wäre allerdings nicht wie gewohnt im Kofferraum unterzubringen gewesen. Wegen der dritten Sitzreihe für die japanischen Grossfamilien. Deshalb klemmt nun eine um die Hälfte kleinere und acht Kilo leichtere Lithium-Ionen-Batterie zwischen den Vordersitzen. Immerhin kann man die Arme darauf ablegen.
Nimmermüde betonte man bisher bei Toyota die Möglichkeit des rein elektrischen Fahrens. Doch beim Prius-Van behandelt man das Thema eher defensiv: Rund 125 Kilo Mehrgewicht zur Schrägheck-Variante mögen nicht viel sein, doch ob der um 24 Prozent geringeren Kapazität der Batterie rollt der Van nicht so weit im Elektromodus wie der normale Prius. Minimale Steigungen lassen den Benziner anspringen; in der Ebene sind nur wenige Hundert Meter emissionsfrei möglich. Elektrisches Parkieren liegt aber drin.
Gleichgültig - der Hybrid holt nicht beim rein elektrischen Fahren seine Verbrauchsvorteile. Sondern weil die E-Maschine nachhilft, wenn der Benziner verbrauchsträchtige hohe Drehzahlen bräuchte und beim Bremsen als Generator geschaltet Energie zurückgewinnt. Ausserdem gleicht er Nickbewegungen der Karosserie aus: Taucht sie in einem Schlagloch vorne ein, verlagert eine kurze Drehmoment-Erhöhung die Last nach hinten. In Verbindung mit straffer Fahrwerksabstimmung und geringem seitlichem Wanken erreicht der Van so ein erstaunliches Niveau an Fahrkomfort. Die Verbrauchsangabe des Werks bleibt in der Praxis unwahrscheinlich und voll beladen sicher utopisch. Aber im Schnitt 5,4 Liter auf einer ersten Testrunde sind ein guter Wert für ein so voluminöses Auto. Nachfüllen ist dennoch öfters erforderlich, weil der Tank nur 45 Liter fasst.
Die Listenpreise beginnen zum Marktstart am 28. Juni bei 44 200 Franken. Man mag Fahrerassistenzsysteme vermissen oder eine elektrische Sitzverstellung. Dennoch ist der Prius Wagon derzeit konkurrenzlos als Hybrid mit Van-Funktionalität. Und man könnte auch das Grosi mitnehmen.
Publiziert am 24.06.2012
