Aus der aktuellen Ausgabe

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So weit die Hütchen fliegen

Schleuderkurs:

Dank seines Mittelmotors vor der Hinterachse bietet der Porsche Boxster Spyder ideale Voraussetzungen fürs Slalomfahren - sofern sein Fahrer das beherrscht


Porsche verkauft nicht nur Sportwagen, sondern vermittelt auch Wissen, um sie sicher zu bewegen

Von Andreas Faust

Thommy Wetzel schüttelt ungläubig den Kopf. «Wohl kein Vertrauen ins Auto, was?», fragt der Instruktor vom Beifahrersitz des Porsche Boxster Spyder her. Zielbremsung hiess die Aufgabe; aus Tempo 60 soll das Auto punktgenau in einer von vier rot-weissen Hütchen abgesteckten virtuellen Garage parkiert werden. Leider steht der rote Porsche nur bis zu den Vorderrädern im Viereck - viel zu früh gebremst.

Wie ein Wanderzirkus zieht die Porsche World Road Show pausenlos durch die Welt. Ihre Mission: all die zu überzeugen, die noch keinen Porsche in der Garage stehen haben, natürlich. Aber es geht auch darum, Wissen über Fahrdynamik weiterzugeben und den Teilnehmern fahrerisches Know-how zu vermitteln. Auf dass diese ihre Fähigkeiten und Grenzen besser kennen, ihre Autos im Griff haben und so zu mehr Sicherheit im Verkehr beitragen.

Fahrübungen auf dem Flugfeld unter Anleitung von Profis

Zu siebt lauschen wir auf dem Flugfeld von Buochs NW den Einweisungen von Wetzel und seines Kollegen Martin Stucky. Beide haben mit Hunderten Hütchen auf der kilometerlangen Betonfläche drei Fahrübungen abgesteckt. Den Anfang macht ein Slalomparcours; fünfmal rechts, fünfmal links lenken, dann eine 180-Grad-Kehre, wieder Slalom fahren und punktgenau in der imaginären Garage zum Stehen kommen. «Ruhig lenken, gleichmässiges Tempo und nicht zu enge Kurven ziehen», rät Wetzel. In der ersten Runde fliegen die Hütchen, weil einige die Kurven zu eng angehen, doch beim zweiten Mal gelingt es besser. Und schneller. Nach der dritten Runde steht der Boxster dank einer bis zuletzt hinausgezögerten, aber umso kräftigeren Vollbremsung sogar punktgenau im Viereck. Das Selbstbewusstsein steigt proportional zur Zufriedenheit der beiden Instruktoren.

Die zweite Übung simuliert den schon legendären Elchtest: Mit Tempo 100 sollen wir auf ein glücklicherweise nur mit Pylonen abgestecktes Hindernis zufahren und im letzten Moment - und ohne zu bremsen - mit einem Rechts- oder Linksschlenker drum herumlenken. «Dabei immer in Fahrtrichtung schauen», sagt Stucky. «Und wenn das Heck ausbricht, mit maximaler Kraft gegenlenken.»

Auf den ersten Runden fehlt die letzte Entschlossenheit. Zweimal bricht der Porsche 911 aus, seine Pneus verlieren die Haftung auf der aus armdicken Feuerwehrschläuchen unter Wasser gesetzten Piste. Das Auto dreht sich samt hilfloser Besatzung rückwärts in die angrenzende Wiese. Im Extremfall kann selbst die Fahrdynamikregelung die Gesetze der Physik nicht ausser Kraft setzen.

Stucky kommentiert, was er sieht: «Typisch Mann: Zu schnell gefahren und zu wenig gegengelenkt. Und dann hat er auch noch in die falsche Richtung geschaut.» Gibt es fahrerische Un- terschiede zwischen den Geschlechtern? «Frauen hören besser zu und setzen das Gehörte sofort um. Aber ihnen fehlt oft der Mut zu nötigen heftigen Lenkbewegungen oder zum harten Tritt auf die Bremse», sagt Stucky. Männer hätten diesbezüglich keine Hemmungen, seien oft aber latent beratungsresistent. Beim Aussteigen nach der Übung zittern uns allen jedenfalls gleichermassen die Knie.

Allein Porsche hat rund 55 000 Kursteilnehmer pro Jahre

Zum Abschluss meistern wir in Kolonne einen Handlingparcours. «Schaut weit nach vorne und nicht aufs Heck des Vordermanns. Und sucht die Ideallinie», sagt Wetzel. Damit meint er die Linie, auf der sich die Kehren mit minimalem Lenkeinsatz durchfahren lassen. «Je weniger man lenkt, desto stabiler bleibt das Auto», ergänzt Stucky. Rund 55 000 Fahrer weltweit erhalten bei Porsche pro Jahr fahrerischen Feinschliff. In der Schweiz sei es aber schwierig, geeignete Gelände für die Trainings zu finden: «Oft hegen Anwohner Vorbehalte», sagt Stucky. Dabei gehe es ja nicht darum, potenzielle Raser auszubilden, sondern einen Beitrag zu mehr Sicherheit im Verkehr zu leisten.

Auf dem Heimweg im strömenden Regen rollt plötzlich ein Traktor aus einem Waldweg auf die Landstrasse. Für eine Vollbremsung reicht die Distanz nicht. Aber für einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn. Mission erfüllt.

Publiziert am 29.08.2010



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